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Praxisbeispiel
Mit Talent zum Beruf: Den eigenen Weg finden – ein Interview mit dem Künstler Steven Elijah Neuhaus

Kurzbeschreibung:

Der Musiker, Autor und Maler Steven Elijah Neuhaus erzählt im REHADAT-Interview über seinen schulischen und beruflichen Werdegang – geprägt von Autismus, einer Sehbehinderung und Legasthenie.

Inhalte des Interviews sind die Themenbereiche:
  • Art der Behinderungen und Beeinträchtigungen
  • Auswirkungen in der Schulzeit und Lösungen
  • Von der Schule in den Beruf als Künstler
  • Inspiration und Arbeit als Künstler
  • Berufliche Herausforderungen
  • Lösungsansätze im beruflichen Alltag
  • Unterstützung durch Einrichtungen
  • Berufliche Pläne für die Zukunft
Das gesamte Gespräch finden Sie unter dem Reiter bzw. Tabulator Interview.

Zur Person:

Steven Elijah Neuhaus ist ein vielseitiger und bekannter Künstler, der als Musiker, Autor und Maler arbeitet. Die Kombination seiner Behinderungen in Verbindung mit seinen Talenten spiegelt sich in seiner Arbeit wider und steht für seine Diversität als Ausdruck in seinen Werken.

REHADAT:

Du bist eine Person mit verschiedenen Behinderungen, die trotz deren Auswirkungen ihren Weg gefunden hat und beruflich erfolgreich ist. Um welche Behinderungen handelt es sich und wie äußern sie sich?

Steven Elijah Neuhaus:

Ich nenne das sehr gerne unsichtbare Behinderungen – auch unsichtbare Barrieren. Im Wesentlichen ist es einmal meine Sehbehinderung, dann noch meine Teilleistungsstörung, die Legasthenie und Autismus, also genauer gesagt meine Autismus-Spektrum-Störung. Das sind die drei Komponenten meiner Behinderung, mit denen ich umgehen muss. Dazu kommen weitere Erkrankungen, die sich beispielsweise auf die Konzentration und den Tag-Nacht-Rhythmus auswirken.
In Bezug auf meine Sehbehinderung sehe ich ohne Brille nur 10 und mit Brille 30 Prozent. Ich sehe dabei unscharf und verschwommen – Autofahren darf ich deshalb beispielsweise nicht. Aufgrund meiner angeborenen Legasthenie habe ich eine Lese- und Schreibschwäche. Hinzu kommt durch meine Autismus-Spektrum-Störung das klassische Problem der Reizüberflutung. Das ist auch der Fall, wenn ich unterwegs bin, Lesungen habe oder auf Ausstellungen präsent bin und mit vielen Menschen Kontakt habe, mit denen ich entsprechend viele Gespräche führe. Das erzeugt sehr viele Gedanken und Dinge in meinem Kopf. Dabei muss ich mich dann gleichzeitig stark bemühen und anstrengen, um neurotypisch zu wirken, was für mich über längere Zeit wirklich ermüdend ist und viel Kraft kostet. Ich bin danach sehr ausgelaugt und habe auch Probleme mit der Lichtempfindlichkeit. Auch der dabei entstehende Stress, wie generell zu viel Stress, setzt sich bei mir im Kopf fest. Ich brauche dann eine Auszeit von ein bis zwei Tagen, um wieder runterzukommen. In dieser Zeit brauche ich die Dunkelheit um mich herum ohne Kontakt zur Außenwelt. Man könnte sagen: „Die Begegnung mit Menschen erzeugt für mich viele schöne Dinge – aber auch herausfordernde Dinge.“

REHADAT:

Wie hat sich das auf deinen Schulalltag ausgewirkt und gab es schon früh etwas, das dir half, in dieser Zeit Hürden zu meistern?

Steven Elijah Neuhaus:

In meiner Schulzeit in den Neunzigern, war man in Bezug auf Behinderungen noch nicht so weit wie heute. Also, ich hatte das Glück, dass meine Eltern relativ früh erkannt haben, dass ich anders bin. Sie haben es mir deshalb ermöglicht eine Waldorfschule zu besuchen, wo für mich besonders das Künstlerische und Musische super war und beispielsweise auch eine für die Zeit übliche heilpädagogische Begleitung angeboten werden konnte. Zwar waren in dieser Zeit Asperger-Autismus und Legasthenie ein Begriff, aber es war in Schulen und bei den Lehrern noch nicht so weit wie heute bekannt, wie man dabei pädagogisch und von der Vermittlung des Lernstoffs damit umgehen sollte. Entsprechend habe ich auch meine Schulzeit als Enttäuschung wahrgenommen. Ich hatte viele Schwierigkeiten, gerade mit einigen Lehrern, aber auch mit den anderen Kindern. Dies aufgrund der Tatsache, weil ich aufgefallen bin, weil ich eben anders und immer der Paradiesvogel war.
Hinzu kam, dass meine Legasthenie einige meiner anderen Beeinträchtigungen überdeckte. Dass dies in meiner Schulzeit nicht erkannt wurde, liegt vielleicht auch an dem Kampfsport, den ich in dieser Zeit ausgeübt habe. Durch ihn habe ich Ehrgeiz und Disziplin gelernt, was mir in Verbindung mit Heilpädagogik, Ergotherapie, Sprachgestaltung und schließlich Psychotherapie als Tool durch die Schulzeit geholfen hat.

REHADAT:

Wusstest du direkt nach der Schule, dass du Künstler werden möchtest, und wie verlief dein beruflicher Weg dorthin?

Steven Elijah Neuhaus:

Also mein künstlerisches und musikalisches Talent war schon immer da. Ich hatte aber zunächst vor einen anderen Weg einzuschlagen, da ich in der Schulzeit mit Kampfsport begonnen hatte und beim Kickboxen sehr erfolgreich war. Ich war im Amateurbereich Vizeweltmeister, Deutscher Meister, war in der Nationalmannschaft und bei den Boxern im Olympiakader. Eigentlich sah es so aus, dass ich Profisportler werden würde. Dann hat mich eine schwere Darmerkrankung erwischt und es war leider nicht mehr möglich. Ich habe deshalb meinen Talenten entsprechend Kunst studiert.
Bereits vorher hatte ich schon in der Garage eine Band gegründet und habe quasi dieses Projekt immer weiterentwickelt, auch während meiner vertiefenden Studien im Bereich Musikproducing und Sounddesign an einem Institut.
Der Weg zur Musik verlief bei mir eher über Texte, Gedichte und Lyrik. Denn eigentlich galt ich früher als unmusikalisch. Ich hab dann angefangen mit Rapgesang. Irgendwann wurde es richtiger Gesang und ich hab mich als Musiker und Künstler selbständig gemacht. Danach habe ich noch 15 Jahre mit meiner Band zusammengearbeitet. Sie also vom Amateurlager ins Profilager geführt. Neben den bis zu 80 Konzerten pro Jahr hatten wir auch einige TV-Auftritte. Ich habe dann für den Musikbereich eine Weiterbildung und ein Studium draufgesetzt, um mich noch weiter in der Tontechnik als Tonmeister zu qualifizieren und einbringen zu können. Danach konnte ich das Musikalische, Musikwirtschaftliche und das Tontechnische, also alles, was man für die Infrastruktur im Bereich Musik braucht, abdecken.
Mit der Band ging es noch einige Zeit so weiter. In der Zeit lernte ich auch den damaligen Chef einer großen Plattenfirma kennen, über den ich einen exklusiven Autoren-Deal bekam. Und das hat mir die Möglichkeit gegeben, mit sehr bekannten Produzenten zu arbeiten und für andere zu schreiben. Ich selbst hab dann aus der Band ein Soloprojekt gemacht und unter dem Künstlernamen Elisha Presley weitergearbeitet, wobei Elisha eigentlich mein zweiter Vorname ist. Das Ganze hat denn so seinen Lauf genommen und war bei bekannten Musikerinnen und Musikern auf ihren Konzerten als „Vorband“, hab eine eigene Tour gespielt und eine Platte rausgebracht. Während Corona kam dann der Einbruch und ich schrieb ein Buch mit dem Titel „Anderssein ist eine Superkraft“ – über das, was mir alles passiert ist im Leben. Auch musikalisch habe ich weitergearbeitet und zusätzlich ein eigenes Produktionsteam mit mehreren Tonstudios an verschiedenen Standorten gegründet. Und so konnten wir auch Fremdaufträge für Musikproduktionen annehmen.
Gemalt hatte ich ja schon bereits während der Schulzeit. Nun fing ich wieder an mehr zu malen und hatte bereits mehrere Ausstellungen mit meinen Bildern. So habe ich alleine in den letzten zwei bis drei Jahren über 1000 Bilder gemalt.
Heute studiere ich als langjähriger Künstler in Teilzeit parallel Kommunikationsdesign in einem Masterstudiengang. Als Künstler bin ich auch Unternehmer und da ist es immer gut, wenn beruflich noch ein weiteres Standbein vorhanden ist.

REHADAT:

Im beruflichen Kontext werden Menschen mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum (ASS) oft nur mit mathematischen oder programmiertechnischen Neigungen und Fähigkeiten in Verbindung gebracht. Du hingegen arbeitest kreativ und drückst in deinen Werken Emotionen aus. Was inspiriert dich und wie bringst du diese Inspiration dann fokussiert in deine Werke ein?

Steven Elijah Neuhaus:

So wie manche eine Vorliebe für Mathematik haben, so habe ich diese Vorliebe für Musik und Kunst. Mathematik, Musik und Kunst ähneln sich schon. Da geht es beispielsweise um logisches Verständnis, Harmonien und Theorien beziehungsweise Musiktheorien, also auch welche der Akkorde zusammenpassen.
Ich glaube, das Schreiben, Malen, Singen und Musizieren ist etwas, was für mich einerseits ein menschlicher Ausdruck meiner Emotionen und meines Lebens ist. Speziell das Leben an sich inspiriert mich und dabei besonders das Vatersein, Gespräche beziehungsweise der Austausch sowie die Arbeit mit Menschen. Der Kontakt zu und Gespräche mit anderen Menschen ist ja eigentlich so ein bisschen das, was im Gegensatz zum Autismus steht.

REHADAT:

Welche beruflichen Herausforderungen ergeben sich für dich durch deine Beeinträchtigungen beim Malen, bei Ausstellungen, bei der Musikproduktion, der Zusammenarbeit mit anderen Musikern, beim Schreiben und bei Lesungen?

Steven Elijah Neuhaus:

Einmal die Reizüberflutungen bei meinen Kontakten und Gesprächen auf Ausstellungen und Lesungen. Außerdem kann es schon einmal sein, dass ich mit meinen vielen Gedanken und Ideen in Gesprächen Leute überfordere. Es kann auch sein, dass eben diese vielen Gedanken und Ideen, die mir durch den Kopf gehen, mich auch selbst überfordern und ich dies in dem Moment vielleicht nicht so ausdrücken kann. Ich glaube, der wichtigste Indikator in diesem Zusammenhang ist halt, dass die Menschen mich aushalten können und ich umgekehrt die Menschen auch aushalten kann.
Wenn Ideen gefragt sind, komme ich eigentlich recht schnell in eine führende Rolle, was dann auch Verantwortung für ein mögliches Scheitern mit sich bringt.
Durch meine Sehbehinderung kommt es zu Beeinträchtigungen beim Lesen sowie Schreiben und Nutzen des Computers. Beim Lesen und Schreiben macht sich auch noch meine Legasthenie bemerkbar, gerade bei meiner Arbeit als Autor und beim Schreiben von Songs.

REHADAT:

Wie löst du die Herausforderungen – nutzt du dabei zum Beispiel auch Hilfsmittel?

Steven Elijah Neuhaus:

In Bezug auf die Reizüberflutung brauche ich eine Auszeit, wenn es im Studio oder bei Ausstellungen für mich extrem wird. Es kann dann schon einmal sein, dass ich den Raum verlasse oder mich hinterher zurückziehe.
Beim Arbeiten am Computer nutze ich teilweise eine Vergrößerungssoftware für den Bildschirm. Beim eigentlichen Schreiben als Autor nutze ich die KI zur Unterstützung. Damit wäre es für mich in Bezug auf meine Legasthenie bereits in der Schulzeit wesentlich einfacher gewesen. Denn schreiben kann ich und die Ideen dazu habe ich. Es geht hier eigentlich nur um die klassische Übertragung in einen Text oder ein Buch, ohne bestimmte durch die Legasthenie bedingte Fehler. Ich arbeite dabei so, dass ich die Texte über ein Mikro am Computer diktiere und die KI dies in Text umwandelt. Den Text bearbeite ich noch einmal, lasse ihn dann danach von der KI in Reinschrift verfassen und speichere ihn abschließend. Das Ganze ist schon so eine gute Grundlektorierung. Bei einem Buch geht es dann weiter zum Lektorat über den Verlag. Außerdem nutze ich die KI auch zum Schreiben einer E-Mail oder geschäftlicher Schriftstücke.

REHADAT:

Gab es Einrichtungen, die dich dabei beraten und fördernd unterstützt haben?

Steven Elijah Neuhaus:

Nach der Schule bin ich zur Arbeitsagentur und hatte damals dort auch zwei gut ausgebildete und menschliche Reha-Berater, die selbst Pädagogen waren und mich beraten hatten. Einiges von dem, was ich ausbildungsmäßig machen sollte, musste ich aber trotzdem abbrechen, weil beispielsweise der Bildungsanbieter für mich nicht geeignet war.
Sonst suche ich eigentlich oft direkt den Kontakt zu Organisation, wenn es um berufliche Dinge geht, wie beispielsweise den Blinden- und Sehbehindertenverband, Kulturstiftungen, VdK und Beratungsstellen bei den Universitäten.
Eine weitere Unterstützung und Förderung zur beruflichen Teilhabe als Mensch mit Behinderungen habe ich eigentlich nicht erhalten. Auch meinen Laptop mit der Vergrößerungssoftware habe ich übrigens selbst ohne Fördermittel angeschafft.

REHADAT:

Welche beruflichen Pläne hast du für die Zukunft?

Steven Elijah Neuhaus:

Es ist ein weiteres Buch geplant. Außerdem wird es eine eigene neue Platte und eine Duettplatte mit einer weiteren bekannten Künstlerin geben. Unter dem Titel „Anderssein ist eine Superkraft“ sind wir auch dabei ein festes Bühnenprogramm zu entwickeln, das aus Lesung und Musik bestehen wird. Wir haben gemerkt, dass dieses Format gut ankommt. Gleichzeitig sind wir musikalisch weiter auf Tour.

REHADAT:

Danke für das Interview.

ICF-Items

Mögliche Assessments – Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • ERGOS - Sehen
  • IMBA - Kontaktfähigkeit
  • IMBA - Kritikfähigkeit
  • IMBA - Kritisierbarkeit
  • IMBA - Lesen
  • IMBA - Misserfolgstoleranz
  • IMBA - Ordnungsbereitschaft
  • IMBA - Schreiben
  • IMBA - Sehen
  • IMBA - Teamarbeit
  • MELBA - Kontaktfähigkeit
  • MELBA - Kritikfähigkeit
  • MELBA - Kritisierbarkeit
  • MELBA - Lesen
  • MELBA - Misserfolgstoleranz
  • MELBA - Ordnungsbereitschaft
  • MELBA - Schreiben
  • MELBA - Teamarbeit

Referenznummer:

Pb/111343


Informationsstand: 07.05.2026