Praxisbeispiel
Kurzbeschreibung:
Ein Interview von REHADAT mit Roderich Dörner, dem HR-Partner Inklusion für die Rewe Markt GmbH, im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Down-Syndrom.Inhalte des Gesprächs sind die Themenbereiche:
- Erfahrungen mit Mitarbeitenden mit Down-Syndrom
- Rahmenbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten
- Arbeiten im Team
- Mögliche Herausforderungen und Schwierigkeiten
- Potenziale und Fähigkeiten
- Berufe und Arbeitsplätze mit besonderer Eignung
- Förderstrukturen
- Mögliche Rolle von Eltern, Freunden oder einer Peer-Group
- Weitere wichtige Aspekte zum Gelingen der Teilhabe am Arbeitsleben
Das Interview mit Roderich Dörner erfolgte im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Down-Syndrom.
Das Down-Syndrom ist meist deutlich erkennbar, was zu einem Sonderstatus führen kann. Aber genau der sollte vermieden werden. Stattdessen sollte die- oder derjenige ganz normal mitlaufen, ohne die Behinderung überzubetonen. Diese Balance hinzubekommen, ist eine große Kunst, glaube ich.
Eine entscheidende Rolle spielt hier wiederum der Jobcoach. Hat er das pädagogische Know-how, das für den Umgang mit Menschen mit Down-Syndrom notwendig ist? Betrachtet er die Behinderung nicht nur als schützenswert, sondern ist auch in der Lage, die Fähigkeiten und Potenziale der Person zu erkennen und zu fördern? Wie stark ist er auf der anderen Seite darin, sich zurückzunehmen und Aufgaben zu übertragen, Anweisungen zu geben und die Person mit Down-Syndrom zu fordern, damit sie Selbstständigkeit und Problemlösungsfähigkeiten entwickelt? Fördern und fordern gleichermaßen, das sind für mich die beiden Seiten der Medaille.
Außerdem können Ablenkungen auftreten, beispielsweise durch viele Menschen. Oder ein nicht nachvollziehbares Abschotten und Nutzen des Handys. So etwas kann den Eindruck erwecken, dass die Person einfach keine Lust hat. Auch hier kann ein begleitender Jobcoach helfen, zum Beispiel indem er strukturierte Pausen einführt und damit die Konzentration immer wieder zurückbringt.
Gleiches gilt für Überlastung und Überforderung. Vielleicht sagt sich der Mensch mit Down-Syndrom: „So, ich mach jetzt Pause, fertig! Ich setze mich hier hin und mache gar nichts mehr.“ Wenn das passiert, ist das in Ordnung, nur muss das Umfeld solch ein Verhalten einordnen können und wissen, wie es damit umgeht. Das muss man gut planen, weil es ansonsten schnell zu Irritationen führen und das Team belasten kann. Auch das kann in enger Abstimmung mit dem Jobcoach angegangen und immer wieder modifiziert werden.
Ich halte es für wichtig, individuell Rücksicht zu nehmen, aber nicht so, dass alle Türen offenbleiben, sonst kann das mit der Integration in den Arbeitsmarkt nicht funktionieren. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Anforderung und Rücksichtnahme.
Wichtig dabei ist, den richtigen Platz für sie zu finden, da es große Unterschiede bezüglich ihrer Fähigkeiten gibt. Wenn beispielsweise im Kindergarten ein Kind gewickelt werden muss – kann man einer Person diese Verantwortung übertragen? Ich kenne einen Fall, da hat es funktioniert. Aber das ist immer vom Einzelfall abhängig. Deshalb kann das Jobcarving sehr hilfreich sein.
Eine weitere Möglichkeit ist die – möglichst lange – Erprobung auf einem Außenarbeitsplatz einer Werkstatt, also einem BiAP oder von einem anderen Leistungsanbieter, damit man im Unternehmen weiterhin wächst. Perspektivisch könnte im Anschluss das Budget für Ausbildung zur Anwendung kommen.
Wenn es um den Arbeitsmarkt geht, stellen sich aber auch rechtliche Fragen: Was ist alles möglich? Und wie können diese Möglichkeiten durchgesetzt werden? Wie bahne ich einen Kontakt mit einem Arbeitgeber an?
Wenn wir Menschen mit einer Behinderung einbinden, stellen wir fest: Oft haben sie faktisch doch eine Sonderstellung. Sie können oft nicht so ohne Weiteres Freunde kennenlernen, mit Menschen Kontakte aufbauen, was ja eigentlich üblich ist im Arbeitsleben. Das ist ein wichtiges Thema. Sollte man Freizeitangebote bereitstellen, und wenn ja, wie müssen die gestaltet sein? Gibt es Gruppen im Unternehmen, die sich treffen und gemeinsame Unternehmungen planen, vielleicht unter Auszubildenden?
Es gibt noch viel zu tun und trotz all der Grenzen und dem, was nicht geht – es geht schon vieles. Und wie ich es wahrnehme, gibt es auch genügend Bereitschaft in den Unternehmen. Insgesamt steht und fällt alles mit dem Qualifizierungsträger, der diesen Menschen einbindet und begleitet im Unternehmen – mit Unterstützung des Jobcoachings. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.
Zur Person:
Roderich Dörner ist HR-Partner Inklusion für die Rewe Markt GmbH. Zuvor war er bereits bei Projekt Router und dem Fachverband IN VIA. Beides sind engagierte Akteure für die berufliche Teilhabe und Inklusion, mit Expertise zu Down-Syndrom.REHADAT:
Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Mitarbeitenden mit Down-Syndrom?Herr Dörner:
Menschen mit Down-Syndrom sind sehr liebenswerte und beziehungsorientierte Menschen, die oft kommunikationsinteressiert sind. Das sind sehr positive Eigenschaften. Es kann allerdings vorkommen, dass die Grenzen nicht gut erkannt und eingehalten werden. Einige Menschen mit Down-Syndrom mögen Körperkontakt, der sich beispielsweise durch eine Umarmung ausdrücken kann, und das wirkt auf das Gegenüber mitunter befremdlich. Ich erinnere mich an eine Mitarbeiterin in der Gastronomie, die die Kunden zur Begrüßung immer umarmt hat. Später wurde sie zur Lieblingsmitarbeiterin, da die Gäste ihre Herzlichkeit mochten.REHADAT:
Welche Rahmenbedingen und Unterstützungsmöglichkeiten braucht es, damit die Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom gelingen kann?Herr Dörner:
Aus meiner Sicht ist das System in Deutschland hervorragend geeignet, um Menschen mit einer Behinderung im Unternehmen Perspektiven zu ermöglichen. Konkret geht das mit einem kompetenten Qualifizierungsträger vor Ort, der die rechtlichen Rahmenbedingungen und Förderstrukturen genau kennt. Eine Schlüsselposition kommt dabei dem Jobcoaching zu: mit einem begleitenden Partner, der sehr engagiert und unternehmensorientiert ist. Und der das Wissen aus einer Werkstatt ins Unternehmen bringt, ohne es zur Werkstatt umbauen zu wollen. Dessen Ziel es ist, den Menschen weiterzuentwickeln und das Team mitzunehmen.REHADAT:
Das Team mitnehmen, was bedeute das für Sie?Herr Dörner:
Ich würde empfehlen, zunächst eine Teambesprechung abzuhalten, um über die Besonderheiten zu sprechen, die ein Mensch mit Down-Syndrom mitbringt. Wichtig ist aber auch der Eins-zu-eins-Kontakt, bei dem der Jobcoach die direkten Kollegen und Vorgesetzten einbezieht. Der Jobcoach sollte dabei selbst aktiv im Arbeitsumfeld mitarbeiten – also im Supermarkt die Weste anziehen und Schulter an Schulter sowohl der Person mit Down-Syndrom als auch den Kollegen und Vorgesetzten, die gerade anwesend sind, erklären, was zu tun ist. Das Ganze sollte so wenig pädagogisch und so normal wie möglich geschehen, um eine natürliche Integration zu fördern und keine Sonderwelt zu schaffen.REHADAT:
Welche Herausforderungen sind bei der Einarbeitung zu beachten?Herr Dörner:
Die Arbeitsweise ist sehr unterschiedlich und man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Wenn jemand das Down-Syndrom hat, können die Auswirkungen sehr unterschiedlich sein. Oft liegt mindestens eine Lern-, wenn nicht sogar eine geistige Beeinträchtigung vor, bei der es sehr viel länger dauert, Dinge zu lernen, einzuüben und umzusetzen. Die Herausforderungen liegen in einer niederschwelligen, einfachen und klaren Einarbeitung. Dazu gehört auch, ausreichend Pausen anzubieten, wenn die Konzentration nachlässt.Das Down-Syndrom ist meist deutlich erkennbar, was zu einem Sonderstatus führen kann. Aber genau der sollte vermieden werden. Stattdessen sollte die- oder derjenige ganz normal mitlaufen, ohne die Behinderung überzubetonen. Diese Balance hinzubekommen, ist eine große Kunst, glaube ich.
Eine entscheidende Rolle spielt hier wiederum der Jobcoach. Hat er das pädagogische Know-how, das für den Umgang mit Menschen mit Down-Syndrom notwendig ist? Betrachtet er die Behinderung nicht nur als schützenswert, sondern ist auch in der Lage, die Fähigkeiten und Potenziale der Person zu erkennen und zu fördern? Wie stark ist er auf der anderen Seite darin, sich zurückzunehmen und Aufgaben zu übertragen, Anweisungen zu geben und die Person mit Down-Syndrom zu fordern, damit sie Selbstständigkeit und Problemlösungsfähigkeiten entwickelt? Fördern und fordern gleichermaßen, das sind für mich die beiden Seiten der Medaille.
REHADAT:
Welche möglichen Schwierigkeiten sehen Sie?Herr Dörner:
Manchmal kommt es zu nicht nachvollziehbaren emotionalen Schwankungen. Das Umfeld unterstellt dann möglicherweise eine negative Absicht – das ist oft aber gar nicht der Fall, sondern die Person befindet sich in ihrer eigenen Welt.Außerdem können Ablenkungen auftreten, beispielsweise durch viele Menschen. Oder ein nicht nachvollziehbares Abschotten und Nutzen des Handys. So etwas kann den Eindruck erwecken, dass die Person einfach keine Lust hat. Auch hier kann ein begleitender Jobcoach helfen, zum Beispiel indem er strukturierte Pausen einführt und damit die Konzentration immer wieder zurückbringt.
Gleiches gilt für Überlastung und Überforderung. Vielleicht sagt sich der Mensch mit Down-Syndrom: „So, ich mach jetzt Pause, fertig! Ich setze mich hier hin und mache gar nichts mehr.“ Wenn das passiert, ist das in Ordnung, nur muss das Umfeld solch ein Verhalten einordnen können und wissen, wie es damit umgeht. Das muss man gut planen, weil es ansonsten schnell zu Irritationen führen und das Team belasten kann. Auch das kann in enger Abstimmung mit dem Jobcoach angegangen und immer wieder modifiziert werden.
Ich halte es für wichtig, individuell Rücksicht zu nehmen, aber nicht so, dass alle Türen offenbleiben, sonst kann das mit der Integration in den Arbeitsmarkt nicht funktionieren. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Anforderung und Rücksichtnahme.
REHADAT:
Auf der anderen Seite – wo liegen die Potenziale und Fähigkeiten von Menschen mit Down-Syndrom?Herr Dörner:
Sie sind oft sehr liebenswerte und freundliche Personen mit einer hohen Serviceorientierung und der Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. Darüber hinaus kann ihre sichtbare Behinderung dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen und gesellschaftliche Themen ins Unternehmen zu tragen.REHADAT:
Für welche Berufe oder Arbeitsplätze sind aus Ihrer Sicht Menschen mit Down-Syndrom besonders geeignet?Herr Dörner:
Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Im Hotelservice, bei der Gästebetreuung oder im Cafébereich. Beim Einräumen und Sortieren von Regalen sowie bei Verkaufshelfertätigkeiten können sie ebenfalls eine Bereicherung sein. Darüber hinaus in Krankenhäusern, Kindergärten und Seniorenhäusern.Wichtig dabei ist, den richtigen Platz für sie zu finden, da es große Unterschiede bezüglich ihrer Fähigkeiten gibt. Wenn beispielsweise im Kindergarten ein Kind gewickelt werden muss – kann man einer Person diese Verantwortung übertragen? Ich kenne einen Fall, da hat es funktioniert. Aber das ist immer vom Einzelfall abhängig. Deshalb kann das Jobcarving sehr hilfreich sein.
REHADAT:
Können Sie Förderstrukturen nennen, die Sie für sinnvoll und hilfreich halten?Herr Dörner:
Ein Praktikum während der Zeit in einer Förderschule würde ich gut finden. Das sollte allerdings begleitet werden, denn ein Unternehmen funktioniert einfach anders als eine Schule. Als Begleitung reicht unter Umständen eine Arbeitsassistenz. Auf jeden Fall braucht es personelle Unterstützung.Eine weitere Möglichkeit ist die – möglichst lange – Erprobung auf einem Außenarbeitsplatz einer Werkstatt, also einem BiAP oder von einem anderen Leistungsanbieter, damit man im Unternehmen weiterhin wächst. Perspektivisch könnte im Anschluss das Budget für Ausbildung zur Anwendung kommen.
REHADAT:
Welche Rolle spielen das Umfeld, die Eltern, Freunde oder eine Peer-Group?Herr Dörner:
Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Unterstützung ihrer Kinder, sowohl, was das Fördern als auch, was die Entwicklung der Selbstständigkeit angeht. Für Eltern ist der Zugang zu Informationen wichtig. Sie haben sich viele Jahre mit den medizinischen Unterstützungsmöglichkeiten beschäftigt.Wenn es um den Arbeitsmarkt geht, stellen sich aber auch rechtliche Fragen: Was ist alles möglich? Und wie können diese Möglichkeiten durchgesetzt werden? Wie bahne ich einen Kontakt mit einem Arbeitgeber an?
REHADAT:
Was halten Sie noch für wichtig, damit die Teilhabe am Arbeitsleben gelingen kann?Herr Dörner:
Man muss niederschwellig anfangen. Und man sollte auch nicht erst beginnen, wenn die Menschen schon lange Zeit in der Werkstatt waren, sondern wenn sie noch im Übergang von der Schule zum Beruf sind. Und dann schauen, wie eine Perspektive aussehen kann und wie das Drumherum organisiert wird.Wenn wir Menschen mit einer Behinderung einbinden, stellen wir fest: Oft haben sie faktisch doch eine Sonderstellung. Sie können oft nicht so ohne Weiteres Freunde kennenlernen, mit Menschen Kontakte aufbauen, was ja eigentlich üblich ist im Arbeitsleben. Das ist ein wichtiges Thema. Sollte man Freizeitangebote bereitstellen, und wenn ja, wie müssen die gestaltet sein? Gibt es Gruppen im Unternehmen, die sich treffen und gemeinsame Unternehmungen planen, vielleicht unter Auszubildenden?
Es gibt noch viel zu tun und trotz all der Grenzen und dem, was nicht geht – es geht schon vieles. Und wie ich es wahrnehme, gibt es auch genügend Bereitschaft in den Unternehmen. Insgesamt steht und fällt alles mit dem Qualifizierungsträger, der diesen Menschen einbindet und begleitet im Unternehmen – mit Unterstützung des Jobcoachings. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.
REHADAT:
Vielen Dank für das Gespräch.Schlagworte
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Referenznummer:
Pb/111335
Informationsstand: 26.01.2026