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Praxisbeispiel
Arbeits­platz­gestaltung für zwei Mitarbeiter mit einer Mehrfachbehinderung in der Herstellung von Platinen

Wo lag die Herausforderung?

Beide Mitarbeiter sind behinderungsbedingt im Bezug auf Körperhaltung und das Heben und Tragen nur eingeschränkt belastbar. Durch eine Umstrukturierungsmaßnahme würden die bisherigen Arbeitsplätze der beiden wegfallen. Sie sollen deshalb in einem neuen Bereich eingesetzt werden. Dieser muss jedoch auf die Funktionseinschränkungen angepasst werden.

Was wurde gemacht?

Der Arbeitgeber schaffte eine vollautomatisierte Maschine an. Die Maschine wird über den PC gesteuert. Alle Eingaben in den PC und die Überwachung der Anlage können in sitzender oder stehender Körperhaltung erfolgen. Die körperlichen Belastungen und Gefahren können so vermindert werden.

Schlagworte und weitere Informationen

Dem Arbeitgeber wurde vom Integrations- bzw. Inklusionsamt ein Zuschuss in Höhe von 38 Prozent der entstehenden Kosten gewährt. Die Beratung erfolgte durch den Technischen Beratungsdienst des Integrations- bzw. Inklusionsamtes.
Die alte Anlage wird für Reservezwecke und Notfälle weiterhin in Bereitschaft gehalten und somit nicht in Zahlung gegeben.
Erhebliche Mehrkosten entstehen durch die Sonderausstattungen der neuen Maschine, die jedoch zur Reduzierung bzw. Vermeidung von körperlichen und psychischen Belastungen der Mitarbeiter an diesem Arbeitsplatz von besonderer Wichtigkeit sind.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.- Nummern der Integrations- bzw. Inklusionsämter.

Arbeitgeber:

Das Unternehmen wurde in zwei unabhängig voneinander operierende Bereiche aufgegliedert. Diese Umstrukturierungsmaßnahme war mit Veränderungen im Produktionsablauf verbunden und führte in etlichen Teilbereichen zu einer Freisetzung von Arbeitsplätzen. In der Platinenfertigung wird eine Produktionsausweitung vom Arbeitgeber geplant. Im Wesentlichen wird es sich dabei um Serien mit kleinen und mittleren Stückzahlen handeln, die einen erhöhten Umrüstaufwand erfordern.

1. Mitarbeiter

Behinderung und Funktionseinschränkung:

- Epilepsie
- Bluthochdruck
- Wirbelsäulenerkrankung
- Bewegungseinschränkung rechtes Ellenbogengelenk
Auf Grund der Behinderung ist die Bewegungsfreiheit (Körperhaltung) und das Heben und Tragen von Lasten eingeschränkt. Außerdem ist der Mann nur bedingt für energetische bzw. statische oder dynamische Muskelarbeiten einsetzbar, bei denen das Herz-Kreislaufsystem belastet wird. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 70. Der Schwerbehindertenausweis trägt die Merkzeichen G und H.

Ausbildung und Beruf:

Der Mitarbeiter ist gelernter Uhrmacher. Er ist seit vielen Jahren bei dem Unternehmen als Produktionshelfer beschäftigt.

2. Mitarbeiter

Behinderung und Funktionseinschränkung:

- Bluthochdruck
- Wirbelsäulenerkrankung
- Hüftgelenkserkrankung
Auf Grund der Behinderung ist die Bewegungsfreiheit (Körperhaltung) und das Heben und Tragen von Gegenständen eingeschränkt. Außerdem ist der Mann nur bedingt für energetische bzw. statische oder dynamische Muskelarbeiten einsetzbar, bei denen das Herz-Kreislaufsystem belastet wird.
Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 50.

Ausbildung und Beruf:

Der Mitarbeiter ist gelernter Landmaschinenschlosser. Er ist seit vielen Jahren bei dem Unternehmen als Produktionshelfer beschäftigt.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die vorhandene, rein manuell zu bedienende, Siebdruckmaschine ist ergonomisch sehr ungünstig gestaltet. Insbesondere das Einrichten und Umrüsten der Maschine erfordert, wegen der ungünstigen Lage der Bedienelemente, das Steigen auf Kästen und eine Körperhaltung mit weit vorgebeugtem Oberkörper. In dieser Haltung müssen dann bis zu zehnmal pro Schicht auch Bügelmessschrauben richtig genutzt werden. Die zum Umrüsten geöffnete Abdeckhaube der Siebdruckanlage ist so unzweckmäßig angebracht, dass ein Anstoßen mit dem Kopf bei der Ausführung der Einrichtarbeiten fast unumgänglich ist.
Außerdem müssen bei diesem Gerät die Platinen einzeln von Hand eingelegt und wieder entnommen werden, was die Bedienpersonen in ständig stehender/gehender Körperhaltung an die Maschine und deren Arbeitstakt bindet und häufiges Bücken erfordert. Um die Funktionssicherheit der Platinen nicht durch Handschweiß zu gefährden, sind beim Einlegen und Entnehmen zu dem ständig leichte Latex-Schutzhandschuhe zu tragen.
Bei ungünstigen Druckbedingungen kann es häufiger zu Verschmutzungen der Druckschablonen kommen, die dann ausgebaut und manuell gereinigt werden müssen. Auch hierbei sind wieder ungünstige Zwangshaltungen einzunehmen. Aus behinderungsbedingten Gründen ist ein dauerhafter Einsatz der beiden Mitarbeiter an der vorhandenen Siebdruckanlage nicht möglich. Durch die Umstrukturierung im Fertigungsbereich werden diese Arbeitsplätze in Kürze entfallen.

Es ist geplant die beiden Mitarbeiter dann in die Platinenherstellung zu versetzen, wo sie in Wechselschicht eine Siebdruckmaschine zum Aufbringen von Lotpaste auf die Platinen bedienen sollen.
Aus diesem Grund beabsichtigt der Arbeitgeber einen Präzisions-Siebdruck-Vollautomaten mit PC- Steuerung, Kassetten-Magazingerät und Schablonenreinigungsvorrichtung anzuschaffen. Ausgestattet ist dieser Automat außerdem mit einer motorischen Transportbreiten-Verstellung und Folienspannrahmen zur direkten Aufnahme von Metallschablonen mit pneumatischer Spannvorrichtung. Manuelle Einstellungen und Umrüstungen sind an dieser Maschine nicht mehr erforderlich. Schablonenreinigungen von Hand entfallen weitestgehend, da die Platinen aus Magazinen automatisch der Anlage zugeführt und auch wieder zurückbefördert werden. So erübrigt sich das ständige Bücken und auch das als unangenehm empfundene Tragen von Latex-Handschuhen. Alle Eingaben in den PC und die Überwachung der Anlage können in sitzender oder stehender Körperhaltung erfolgen. Eine Taktgebundenheit besteht für die Bediener nicht mehr. Neben der Eingabe von Steuerbefehlen und der Überwachung der Arbeitsabläufe fällt als Tätigkeit lediglich das Auswechseln der Kassetten mit den Platinen an. Der völlig geschlossene Automat erfordert keinerlei Eingriffe in die laufende Maschine. Der Einsatz von Personen mit Epilepsie in diesem Bereich kann deshalb auch ohne zusätzliche Arbeitsschutzeinrichtungen erfolgen.

Schlagworte

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • EFL - Heben (Boden zur Taillenhöhe/Taillen- zur Kopfhöhe/horizontal)
  • EFL - Schweregrad der Arbeit (Last/Herzfrequenz)
  • EFL - Stehen (längeres/vorgeneigt/Rotation)
  • EFL - Steigen (Leiter/Treppe)
  • EFL - Tragen (rechte, linke Hand/vorne)
  • ERGOS - aktuelle tägliche Dauerleistungsfähigkeit (Last/Herzfrequenz)
  • ERGOS - Bücken
  • ERGOS - statisches/dynamisches Heben
  • ERGOS - Stehen
  • ERGOS - Tragen
  • ERGOS - Treppensteigen
  • IMBA - Arbeitssicherheit
  • IMBA - Arbeitszeit
  • IMBA - Gehen/Steigen
  • IMBA - Geneigt/Gebückt
  • IMBA - Heben
  • IMBA - physische Ausdauer (Last/Herz-Lungensystem)
  • IMBA - Rumpfbewegungen (Bücken/Aufrichten)
  • IMBA - Schichtarbeit
  • IMBA - Stehen
  • IMBA - Tragen
  • IMBA - Unfallgefährdung

Referenznummer:

R/PB4503


Informationsstand: 13.05.2019