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Praxisbeispiel
Selbständige Heilpraktikerin mit eigener Praxis

Wo lag die Herausforderung?

Sie hat Probleme damit, nonverbale Kommunikation zu verstehen und Emotionen bei anderen Menschen zu erkennen. Auch Ironie und Redewendungen werden aufgrund des wörtlichen Verstehens oft nicht richtig eingeordnet. Außerdem sind geregelte Abläufe, Gewohnheiten und Planbarkeit für sie sehr wichtig - was behinderungsbedingt für sie in Bezug auf ihren Arbeitsablauf kaum zu organisieren war, da für sie sämtliche Informationen die selbe Wichtigkeit besitzen.

Was wurde gemacht?

Durch ein Jobcoaching wurden die Arbeitsabläufe strukturiert und Verhaltensweisen trainiert. Unterstützt wird dies durch einen Übersichtskalender für ihren Arbeitsalltag, in dem farblich kodiert die Tätigkeiten eingetragen wurden.

Schlagworte und weitere Informationen

Nach Feststellung des Asperger-Syndroms wandte sich die Heilpraktikerin an das zuständige Integrations- bzw. Inklusionsamt. Es wurde ein Treffen mit der zuständigen Fallmanagerin und der Koordinatorin des Bereichs Jobcoaching im Beisein ihres Therapeuten vom Autismus-Therapiezentrum verabredet. Im Rahmen des Treffens wurde das Jobcoaching beantragt, welches insbesondere aufgrund seiner individuellen auf den jeweiligen Fall zugeschnitten Hilfestellungen geeignet schien. Das Jobcoaching wurde vom Integrations- bzw. Inklusionsamt gefördert.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nummern der Integrations- bzw. Inklusionsämter.

Arbeitgeber:

Die Frau arbeitet als selbstständige Heilpraktikerin.

Behinderung und Funktionseinschränkung:

Die Frau hat das Asperger-Syndrom, eine schwächere Form von Autismus. Sie hat Probleme damit, nonverbale Kommunikation (Gestik, Mimik, Blickkontakt) zu verstehen und Emotionen bei anderen Menschen zu erkennen. Auch Ironie und Redewendungen werden aufgrund des wörtlichen Verstehens oft nicht richtig eingeordnet. Außerdem sind geregelte Abläufe, Gewohnheiten und Planbarkeit für sie sehr wichtig.
Daher ist für sie die Interaktion mit Menschen in ihrer Praxis, bei Vorträgen oder am Telefon besonders anstrengend, da sie Gesagtes oft ausführlich nachträglich reflektieren muss, um es zu verstehen. Auch bringt es sie durcheinander, wenn ein Termin kurzfristig verschoben oder abgesagt wird. In ihren Aufgaben Prioritäten zu setzen, ihre eigene Belastung und Erschöpfung einzuschätzen und entsprechend zu planen, fällt ihr ebenfalls schwer.
Hinzu kommt ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, welches eine Folge der als belastend empfundenen autismusbedingten höheren Reizempfindlichkeit darstellt. Dieses äußert sich z. B. durch ein geringeres Konzentrationsvermögen, den schellen Verlust der Aufmerksamkeit und die leichte Ablenkbarkeit.

Ausbildung und Beruf:

Die Frau zeigte schon früh ein reges Interesse an Biologie und Medizin sowie ein Talent für realitätsgetreue Zeichnungen. Sie begann ein Philosophiestudium, welches sie allerdings nicht beendete. Als mehrfache Mutter blieb sie anschließend für einige Zeit zu Hause. Schließlich konnte sie einen Fernlehrgang zur Heilpraktikerin abschließen und fand so zurück ins Arbeitsleben und machte sich mit einer Praxis für Naturheilverfahren selbständig.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die Heilpraktikerin arbeitet inzwischen gemeinsam mit einer Kollegin in ihrer Praxis. Dort behandelt sie ihre Patientinnen und Patienten nach den Methoden der Naturheilkunde und Alternativmedizin. Dazu informiert sie sich zunächst über deren Lebensumstände, Beschwerden, Vorerkrankungen, Symptomen und führt je nach Bedarf Untersuchungen, wie z. B. Abhören, Abklopfen oder Blutuntersuchungen, durch. Im Anschluss stellt sie dann die Diagnose und entwickelt in Absprache mit der Patientin oder dem Patienten die Behandlungsmöglichkeiten, wie beispielsweise Akupunktur, Aromatherapie und Physiotherapie. Parallel erfolgt zusätzlich die Erfassung der Patientendaten, Dokumentation der Behandlungsverläufe und die Erstellung der Honorarrechnungen.
Neben der Tätigkeit in Ihrer Praxis, bildet sie auch Schülerinnen und Schüler in ihrer Heilpraktikerschule aus.
Seit ihrer Diagnose engagiert sie sich zudem für Aufklärung über Autismus. Sie hält deshalb Vorträge und gibt Workshops zum Thema.

Arbeitsorganisation:

An einem festen Tag der Woche besucht ein Jobcoach für zwei bis drei Stunden die Praxis der Heilpraktikerin. Bei diesem Besuch werden Schwierigkeiten im Arbeitsalltag analysiert und Lösungen entwickelt. Zu Beginn des Jobcoachings wurden zunächst die in der Praxis anfallenden Tätigkeiten erstmalig strukturiert erfasst und hinsichtlich Priorität, Anstrengung und prozentualen Zeitbedarfs analysiert. Farblich kodiert wurden die Tätigkeiten dann in einen entsprechenden Übersichtskalender für ihren Arbeitsalltag eingetragen. Diese erste Analyse und spätere Reflexionsgespräche mit dem Jobcoach helfen der Heilpraktikerin dabei sich ihre Arbeit besser einzuteilen. Zwar kann sie die mit der Arbeit einhergehenden Belastungen nicht ausschalten, doch plant sie nun nach besonders belastenden Tätigkeiten längere Erholungszeiträume ein. Auch versteht sie besser, woher bestimmte Belastungen im Rahmen ihrer Arbeit rühren und zu welchen Zeiten des Tages sie besonders leistungsfähig ist.

Kommentar der Betroffenen:

Die Heilpraktikerin würde Betroffenen das Jobcoaching weiterempfehlen. In ihrer Situation hat sie das Coaching nach eigener Erfahrung als hilfreich erlebt. Allerdings ist sie kritisch inwieweit ihre berufliche Inklusion als Vorbild nutzen kann, da andere Betroffene oft in ganz anderen Situationen seien.

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • IMBA - Arbeitszeit
  • IMBA - Aufmerksamkeit
  • IMBA - Führungsfähigkeit
  • IMBA - Kontaktfähigkeit
  • IMBA - Konzentration
  • IMBA - Kritikfähigkeit
  • IMBA - Kritisierbarkeit
  • IMBA - Misserfolgstoleranz
  • IMBA - Ordnungsbereitschaft
  • IMBA - Teamarbeit
  • MELBA - Aufmerksamkeit
  • MELBA - Führungsfähigkeit
  • MELBA - Kontaktfähigkeit
  • MELBA - Konzentration
  • MELBA - Kritikfähigkeit
  • MELBA - Kritisierbarkeit
  • MELBA - Misserfolgstoleranz
  • MELBA - Ordnungsbereitschaft
  • MELBA - Teamarbeit

Referenznummer:

PB/111029


Informationsstand: 06.03.2019