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Praxisbeispiel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Dresden

Es gibt 4 Abbildungen zu diesem Praxisbeispiel:

  1. Arbeitsplatz|(p111016)Braillezeile|(p111017)Grafikdisplay|(p111015)Hinweistafel
  2. Arbeitsplatz|(p111016)Braillezeile|(p111017)Grafikdisplay|(p111015)Hinweistafel
  3. Arbeitsplatz|(p111016)Braillezeile|(p111017)Grafikdisplay|(p111015)Hinweistafel
  4. Arbeitsplatz|(p111016)Braillezeile|(p111017)Grafikdisplay|(p111015)Hinweistafel

Wo lag die Herausforderung?

Die Frau ist von Geburt an blind. Optische Informationen am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsweg zur Orientierung können von ihr nicht wahrgenommen werden.

Was wurde gemacht?

Einsatz von Hilfsmitteln wie:
- Braillezeile in Verbindung mit einem Screenreader zur Ausgabe der Bildschirminhalte in Braille oder Sprache
- Scanner in Verbindung mit Texterkennungssoftware zur Erfassung von Schrift in Papierformat und Ausgabe in Sprache oder Punktschrift mit Hilfe von Screenreader und Braillezeile
- Langstock, Kennzeichnung von Handläufen an Treppen und Hinweistafeln in Braille zur Orientierung auf Wegen
Außerdem wurde ein Mobilitätstraining mit dem Langstock absolviert und eine Arbeitsassistenz unterstützend eingesetzt.

Schlagworte und weitere Informationen

Die Arbeitsassistenz, welche zwei Drittel der Arbeitszeit zur Verfügung steht, wurde in den ersten drei Jahren von der Arbeitsagentur gefördert und wird seitdem vom Integrations- bzw. Inklusionsamt gefördert. Das Mobilitätstraining zum Beschäftigungsbeginn und die Neuausstattung des Arbeitsplatzes etwa mit Laptop und Braillezeile wurden von der Arbeitsagentur gefördert - wobei die Hilfsmittel und das Laptop personenbedingt gefördert wurden. Die Beratung erfolgte dabei durch den Technischen Beratungsdienst der Arbeitsagentur.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Telefon-Nummern der Integrations- bzw. Inklusionsämter und Arbeitsagenturen.

Arbeitgeber:

Der Arbeitgeber ist die Technischen Universität mit 8.300 Beschäftigten und 32.000 Studierenden.

Behinderung und Funktionseinschränkung der Mitarbeiterin:

Die Frau ist von Geburt an blind. Die Restsehfähigkeit reicht lediglich, um zwischen allgemeiner Helligkeit und Dunkelheit zu unterscheiden. Optische Informationen müssen daher so umgewandelt werden, dass sie taktil mit den Fingern oder akustisch wahrgenommen werden können. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 100. Der Schwerbehindertenausweis beinhaltet die Merkzeichen B, Bl, G, H und RF.

Übergang Schule - Beruf:

Die Frau besuchte die gymnasiale Oberstufe an einer Schule mit Förderschwerpunkt Sehen und verließ diese mit dem Abitur. Danach absolvierte sie ein Studium der Erziehungswissenschaften und Sozialen Arbeit an der TU Dresden. Bereits zu ihrer Studienzeit wurde barrierefreie Literatur für Studierende mit Sehbehinderung oder Blindheit bereitgestellt und sie erhielt Seminartexte auf Diskette oder fand in Eigenrecherche online Literatur in PDF-Form. Schwieriger gestalteten sich weniger textbasierte Vorlesungen, wie beispielsweise Statistik. Hier musste ihr die Dozentin sämtliche Zeichen der Formeln einzeln diktieren. Eine hilfestellende Studienassistenz stand damals nicht zur Verfügung. Deshalb sprachen ihr befreundete Studierende zahlreiche Texte auch auf Kassette.
Nach ihrem Abschluss als Diplompädagogin gestaltete sich der Übergang ins Berufsleben schwierig und es folgte eine mehrmonatige Phase der Arbeitslosigkeit mit zahlreichen Bewerbungen. Schließlich fand sie eine Anstellung bei einem Sozialträger. Im Rahmen ihrer Arbeit betreute sie zunächst mehrere Jahre Schülerinnen und Schülern aus sozialschwachen Familien und gestaltete daraufhin ein barrierefreies Kulturangebot für Menschen mit und ohne Behinderung.
Im Anschluss an die Projektarbeiten halfen ihr die fortbestehenden Kontakte zu ihrer alten Hochschule. Aus Eigeninitiative erhielt sie Informationen über ein Stellenangebot der "Arbeitsgruppe für das Studium mit Sehbehinderung und Blindheit" und erhielt die Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft. Anderthalb Jahre später wurde sie zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin befördert.
Außerdem absolvierte sie eine Ausbildung zur Peer Counselorin und ist seitdem auch als Peer-to-Peer-Beraterin für Studierende, Studieninteressierte und Beschäftigte mit Behinderung und chronischer sowie psychischer Erkrankung an der TU Dresden tätig.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die Diplompädagogin arbeitet überwiegend an einem Bildschirmarbeitsplatz in einem Büro (Bild 1). Ihre Hauptaufgabe besteht darin barrierefreie Studienmaterialien zu erstellen und bereitzustellen. Hierzu koordiniert sie einige studentische Hilfskräfte, welche die Erstellung barrierefreier Texte vornehmen, und kontrolliert deren Arbeitsergebnisse. Auch die Auswahl der studentischen Hilfskräfte im Bewerbungsverfahren und deren Einarbeitung wird von ihr vorgenommen.
Eine besondere Herausforderung stellt die Umarbeitung von Grafiken in Bildbeschreibungen oder in taktile Grafiken dar. Die Erstellung taktiler Grafiken kann z. B. durch ein Schwelldruckverfahren erreicht werden, bei welchem ein Druck auf Spezialpapier (Schwellpapier) erfolgt, das mit einer Chemikalie versehen ist, wodurch auf dem Papier Linien, Brailleschrift, etc. bei Wärmezufuhr anschwellen und tastbar werden. Auch hier sind zuvor allerdings einige Anpassungen in der Grafik, wie eine Anpassung der Beschriftungen in Brailleschrift und eine Veränderung der Skalierung notwendig.
Kaum eine im Studium verwendete Literatur ist komplett ohne Grafiken. Und da es sich in der Regel um komplexe wissenschaftliche Inhalte handelt, welche anhand der Grafiken vermittelt werden, ist die Aufgabe eine barrierefreie Alternative zu erstellen entsprechend anspruchsvoll. Im Bereich barrierefreier Grafikbearbeitung liegt auch der Schwerpunkt der Forschung, an welcher die wissenschaftliche Mitarbeiterin mitwirkt.
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin bietet auch Schulungen zur Erstellung barrierefreier Dokumente sowohl für Lehrende der Hochschule als auch auf Honorarbasis an anderen Hochschulen und Institutionen an. Und wenn andere Bereiche bzw. Abteilungen der Uni Literatur in Braille veröffentlichen möchten, so liest sie diese vorher zur Korrektur.
An ihrem Bildschirmarbeitsplatz nutzt sie einen Laptop in Kombination mit einer kleinen mobilen Braillezeile (Bild 2), welche sie auch bei Dienstreisen und Schulungen nutzten bzw. mitnehmen kann. Zum Lesen der Bildschirminhalte verwendet sie eine spezielle Ausgabesoftware bzw. einen sog. Screenreader, der die Bildschirminhalte wahlweise taktil mit den Fingern lesbar in Braille über die Braillezeile oder akustisch über den Lautsprecher sowie Kopfhörer ausgibt. Zur Eingabe setzt sie eine handelsübliche Tastatur ein, die standardmäßig über Markierungspunkte zum Tippen bzw. Bedienen über das Zehnfingersystem verfügt. Zum Lesen von Dokumenten in Papierformat nutzt sie einen Scanner in Verbindung mit einer Texterkennung, so dass sie die Inhalte ebenfalls taktil über den Screenreader in Verbindung mit der Braillezeile lesen oder sich akustisch ausgeben lassen kann.
Aufgrund ihres Tätigkeitsfeldes gibt es weitere Hilfsmittel am Arbeitsplatz. So steht neben einem Brailledrucker auch ein interaktives Grafikdisplay mit Stiftplatte zur taktilen Darstellung und Erzeugung von Grafiken zu ihrer Verfügung (Bild 3).

Arbeitsorganisation:

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet 30 Stunden pro Woche. Für 20 Stunden steht ihr dabei eine Arbeitsassistenz zur Verfügung. Insbesondere die Umarbeitung von Grafiken als Arbeitsschwerpunkt, lässt sich bis jetzt noch nicht ohne den Abgleich einer sehenden Hilfskraft komplett bewältigen. Die Arbeitsassistenz begleitet die wissenschaftliche Mitarbeiterin auch zu sämtlichen Außenterminen, weswegen bei solchen entweder der Termin selbst oder die mitunter flexiblen Arbeitszeiten der Arbeitsassistenz entsprechend angepasst werden müssen.

Arbeitsumgebung - Mobilität:

Bereits als Studentin hatte die Frau schon einmal ein Mobilitätstraining zur Orientierung auf dem Campus der Hochschule absolviert. Wie bei ihrer ersten Arbeitsstelle, so erhielt sie auch zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Hochschule ein Mobilitätstraining. Die Frau nutzt zur Orientierung einen Langstock und kann entweder mit dem Bus oder komplett zu Fuß den Arbeitsweg und wichtige Wege auf dem Campus selbstständig zurücklegen. Wobei der Zugangsweg und die anderen innerbetrieblichen Wege mit einem Leitsystem (Bodenindikatoren) und entsprechenden Orientierungshilfen (z. B. Infos in Braille auf Hinweistafel und an Treppen bzw. Handläufen) ausgestattet sind (Bild 4).
Bei Dienstreisen wird sie üblicherweise von ihrer Arbeitsassistenz begleitet. Doch da jede Dienstreise hierfür des Aufwands eines einzelnen Förderantrags bedarf, übernehmen nicht selten mitreisende Kolleginnen und Kollegen die notwendigen assistierenden Tätigkeiten.

Arbeitsschutz:

Bei einem Notfall mit evtl. erforderlicher Evakuierung ist der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Fluchtweg bekannt. Es ist auch abgesprochen, dass eine sehende Kollegin oder ein sehender Kollege sie im Rahmen einer Rettungspartnerschaft nach draußen begleitet.

Kommentar der Mitarbeiterin:

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin ist sehr zufrieden mit ihrer Tätigkeit und meint, dass sie es nicht besser hätte treffen können. Sie fühlt sich an ihrer Arbeitsstelle gut integriert, ist auch in Projekttage eingebunden und wird, wo immer nötig, von allen Kolleginnen und Kollegen unterstützt. Ihre Behinderung werde von ihrem Umfeld keineswegs als einschränkend, sondern als eine Bereicherung empfunden.

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte:

Schlagworte

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • ERGOS - Sehen
  • IMBA - Arbeitssicherheit
  • IMBA - Arbeitszeit
  • IMBA - Sehen
  • IMBA - Selbständigkeit
  • IMBA - Umstellung
  • MELBA - Selbständigkeit
  • MELBA - Umstellung

Referenznummer:

PB/111017


Informationsstand: 06.07.2020