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Praxisbeispiel
REHADAT Wissensreihe Sehbehinderung und Blindheit - Im Kopf barrierefrei

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Das Interview mit Herrn Dr. Bach führten Frank Tomaszewski und Peter van Haasteren für die REHADAT-Wissensreihe Sehbehinderung und Blindheit.

Zur Person:

Dr. Bach ist seit Geburt hochgradig sehbehindert und war viele Jahre als Dozent an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und kurzzeitig im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung tätig. Er forscht über Arbeit, Arbeitsmarkt, Behinderung und Rehabilitation. Dr. Bach gehört dem wissenschaftlichen Beirat beim BMAS für die Teilhabeberichte der Bundesregierung an und ist ebenfalls im wissenschaftlichen Beirat für die "Repräsentativbefragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen" tätig. Er engagiert sich darüber hinaus stark in Selbsthilfeorganisationen.

REHADAT:

Gibt es Statistiken zur Anzahl blinder und sehbehinderter Menschen?

Heinz Willi Bach:

Bundesarbeitsminister Heil hat im Juni 2018 Zahlen genannt. Demnach leben in Deutschland mehr als 145.000 blinde und ca. 500.000 sehbehinderte Menschen. Darüber hinaus gibt es keine amtlichen Erhebungen, die die Beschäftigungssituation blinder und sehbehinderter Menschen abbilden. Deshalb fordert die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe seit Jahren, in Übereinstimmung mit der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (Artikel 31), eine differenzierte amtliche Statistik als Grundlage für eine rationale Beschäftigungs- und Sozialpolitik für Menschen mit Behinderungen zu gestalten.

REHADAT:

Wie sehen Sie die Beschäftigungssituation blinder Menschen?

Heinz Willi Bach:

In Ermangelung amtlichen Zahlenmaterials habe ich 2016/17 drei Szenarien entwickelt, von denen sich eins mit den oben genannten Zahlen deckt. Hieraus geht hervor, dass von den 145.000 blinden Menschen nur jeder Vierte erwerbstätig ist.

REHADAT:

Wie stellt sich die Beschäftigungssituation bei den sehbehinderten Menschen dar?

Heinz Willi Bach:

Es ist zu unterscheiden zwischen hochgradig und weniger intensiv von Sehbehinderung betroffenen Menschen. Bei der ersten Gruppe liegt die Erwerbstätigenquote bei 26, bei der zweiten immerhin bei 45 Prozent. Zum Vergleich: Im Allgemeinen sind mehr als drei von vier erwerbsfähigen Personen in Deutschland beruflich tätig, mittlerweile deutlich mehr als 75 Prozent. Ziel muss es demnach sein, die Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung bei den Menschen mit Blindheit bzw. Sehbehinderung deutlich anzuheben.

REHADAT:

Wo sehen Sie Hindernisse?

Heinz Willi Bach:

Ich möchte unter den möglichen Hindernissen eines herausgreifen: Bei einer Sehbehinderung ist relevant, zu welchem Zeitpunkt sie eingetreten ist. Menschen, die von Geburt oder Kindheit an betroffen sind, haben andere Voraussetzungen. Sie sind beispielsweise mit Hilfsmitteln vertraut und erleben die Lebenssituation als Mensch mit Beeinträchtigung von vornherein als ganz normal, während Menschen, bei denen die Behinderung im Berufsleben eintritt, den Umgang mit großem Bildschirm, begleitender Sprachausgabe oder Blindenschrift erst erlernen müssen. Das sind Barrieren, aber keine, die nicht überwunden werden könnten.

REHADAT:

Sie halten es also für machbar, trotz eintretender Sehbehinderung bestehende Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen?

Heinz Willi Bach:

Unbedingt. Generell bin ich davon überzeugt, dass Lösungen gefunden werden können. Keine allgemeingültigen, dafür sind die Einzelfälle zu unterschiedlich. Aber individuelle durchaus! Motivierte Arbeitsuchende mit Blindheit oder Sehbehinderung, die mit ihren Arbeitsplatzausstattungen souverän umgehen können, haben oft viel mehr Kompetenzen, als man sich vorstellen kann. Für mich besteht die hauptsächliche Barriere in den Köpfen. Wenn die überwunden wird, kann berufliche Teilhabe gelingen.

REHADAT:

Wie kann das konkret geschehen?

Heinz Willi Bach:

Gegenüber blinden und auch sehbehinderten Bewerberinnen und Bewerbern scheint ein starker ‚Marktwiderstand‘ zu bestehen. Dem ist bei Vermittlungsbemühungen Rechnung zu tragen. Grund dafür sind oft Klischees und Vorurteile - hervorgerufen durch fehlende Informationen und Erfahrungen mit diesen Personenkreisen. Deshalb sollte auf Unternehmen gezielt mit beratenden Angeboten zugegangen werden. In Verbindung mit der Bereitschaft aller Beteiligten - Personalverantwortliche, Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen sowie arbeitsvermittelnde Stellen - können gute Lösungen entwickelt werden. Das ist immer ein Prozess. Bei der Suche nach der (best-)geeigneten Beschäftigungsmöglichkeit erscheint eine Strategie erfolgversprechend, die zuerst an den Persönlichkeitsmerkmalen und Talenten, Kompetenzen und Vorerfahrungen der Bewerberin bzw. des Bewerbers ansetzt. Danach folgen konkrete Schritte für die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes, die Ausstattung mit Hilfsmitteln und möglicherweise eine Schulung, um den Umgang mit den Hilfsmitteln zu trainieren. Eventuell ist eine Arbeitsassistenz notwendig, deren Kosten öffentlich getragen werden.
Der gesamte Prozess fußt auf intensivem Coaching der Bewerberin oder des Bewerbers, damit diese motiviert das Beste aus ihren Potenzialen machen können. Vielfach hat sich gezeigt, dass die Suche nach dem geeigneten Arbeitsplatz erfolgversprechender ist als die Bewerbung auf offene Stellen. Dies bedingt kontinuierliches und intensives Bemühen kompetenter und erfahrener Arbeitsvermittler und Rehaberater. Ein sehr lohnenswertes Bemühen!

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Referenznummer:

Pb/111070


Informationsstand: 19.05.2020

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