Praxisbeispiel
Kurzbeschreibung:
Ein Interview von REHADAT im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Adipositas.Inhalte des Gesprächs sind die Themenbereiche:
- Adipositas als sensibles Thema im Arbeitskontext, ohne die Beschäftigten zu verletzen
- Maßnahmen, um Beschäftigten mit Adipositas die Arbeit zu erleichtern und um sie zu fördern
- Berücksichtigung von Faktoren zum besseren Verständnis der Entwicklung der Krankheit bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
- Erfahrungen zur Wahrnehmung der Einschränkungen, die auch die Arbeitsfähigkeit beeinflussen können
- Zentrale Themenfelder zur Berücksichtigung der Erleichterung der Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Adipositas
Ein Interview von REHADAT im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Adipositas mit einem Recruiter, einer Betriebsärztin und einem Schwerbehindertenvertreter eines Unternehmens aus dem sozialen Bereich.
Recruiter:
Diese Einschätzung kann ich bestätigen, insofern als dass mir mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Adipositas berichteten, dass sie aufgrund ihres Übergewichtes wiederholt Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.
Recruiter:
Ein Thema, welches für mich ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt, ist das der Barrierefreiheit. So könnte ich mir vorstellen, dass Menschen mit einem bestimmten Grad der Adipositas Schwierigkeiten haben, Treppen zu steigen. In diesem Kontext wäre es sinnvoll, wenn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber einen Aufzug zur Verfügung stellen würden, um die Mobilität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb der Arbeitsgebäude zu gewährleisten.
Zu den Personen:
Das Interview wurde mit einem Recruiter, einer Betriebsärztin und einem Schwerbehindertenvertreter eines Sozialunternehmens geführt, das 2.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bereichen soziale Dienste, Altenhilfe, Altenheime, Beruf und Bildung, Fahrdienste für Menschen mit Behinderungen und Kindertagesstätten beschäftigt. Auf Wunsch der Interviewpartnerinnen und -partner wurde das Gespräch anonymisiert.REHADAT:
Wie kann das Thema Adipositas im Arbeitskontext sensibel angesprochen und behandelt werden, ohne die Privatsphäre der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verletzen?Betriebsärztin:
Einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin durch die Arbeitgeberin beziehungsweise den Arbeitgeber gezielt auf ihre beziehungsweise seine Adipositas anzusprechen ist für mich ein Eingriff in die Privatsphäre, selbst wenn es der Person anzusehen ist, dass dies vermutlich auf sie zutrifft.Schwerbehindertenvertretung:
Ich habe eine einzige Kollegin gehabt, auf die ich aktiv zugegangen bin. Das ist auch wirklich immer sehr grenzgängig, schließlich muss man, wenn man zu einer Kollegin oder einem Kollegen geht und fragt, ob diese ein Problem mit dem Essen haben, häufig ohnehin auch folgende Aussage anbringen: „Ich hab das Gefühl, du hast wieder ein bisschen zugenommen.” Meiner Ansicht nach muss man das schon so ein bisschen umgehen, denn eine direkte konkrete Frage bezüglich des Gewichts ist zumindest in Deutschland häufig schwierig beziehungsweise ein sensibles Thema. Bevor Sie das Thema Adipositas bei uns durch Ihre Anfrage zum Interview angebracht haben, war mir persönlich diese Problematik weniger präsent. Ich sehe eine Herausforderung bei der Berücksichtigung von Adipositas durch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber beziehungsweise einem Kümmern um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Adipositas auch darin, dass dieses Thema schwierig zu behandeln ist. Man müsste schauen: Wo setze ich da an? Welches Gewicht hat die Arbeitnehmerin beziehungsweise der Arbeitnehmer möglicherweise und wo beginnt entsprechend die Adipositas? Selbstkritisch betrachtet sehe ich bei uns noch Entwicklungspotenzial, wenn es darum geht, festzustellen, ob eine übergewichtige Arbeitnehmerin beziehungsweise ein übergewichtiger Arbeitnehmer noch Unterstützung braucht und worin diese bestehen könnte. Glücklicherweise bin ich nun durch unser Gespräch, sensibler für das Thema Adipositas geworden.REHADAT:
Gibt es bestimmte Maßnahmen, die Sie als Arbeitgeber einleiten, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Adipositas die Arbeit zu erleichtern?Schwerbehindertenvertretung:
Speziell gegenüber Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Adipositas tun wir dies nicht. Damit wir arbeitserleichternde Maßnahmen ergreifen und beispielsweise Hilfsmittel anschaffen können, muss uns ein bestimmter Grad der Behinderung bei den jeweiligen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vorliegen. Nur so können wir entsprechende Zuschüsse bei Inklusionsämtern beantragen. Natürlich profitieren von bestimmten Hilfsmitteln, wie beispielsweise speziellen Stühlen, auch Menschen mit Adipositas. Wir beantragen sie allerdings in erster Linie für Personen mit Rückenbeschwerden.REHADAT:
Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht sinnvoll, um die berufliche Teilhabe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu fördern?Schwerbehindertenvertretung:
Mit Blick auf unseren Betrieb sehe ich einen Ausbau innerhalb des Fortbildungsportals als sehr wesentlich. Wir haben bereits Angebote, auf denen steht nicht explizit „Adipositas“ drauf, aber wenn man genauer hinschaut, könnten diese Angebote durchaus sehr nutzbar für unsere Mitarbeitenden mit Adipositas sein. Diese Eignung für die Zielgruppe der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Adipositas stärker sichtbar zu machen, fände ich sinnvoll. In diesem Zusammenhang sollte meiner Ansicht nach aber nicht das Label „Adipositas“ verwendet werden, da dies ein sehr sensibles Thema ist. Gleichzeitig halte ich es für sehr sinnvoll, die Herausforderung „Adipositas im Beruf“ stärker sichtbar zu machen und Kolleginnen und Kollegen, die keine Adipositas haben, für dieses Thema zu sensibilisieren.REHADAT:
Welche Faktoren sollten berücksichtigt werden, um die Entwicklung der Krankheit bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern besser zu verstehen?Schwerbehindertenvertretung:
Ich halte eine Feststellung von Adipositas beziehungsweise deren Ursachen für extrem komplex. Meiner Meinung nach sollten hier mehrere Fragestellungen berücksichtigt werden, um die Ursachen dafür, dass Arbeitnehmerinnen beziehungsweise Arbeitnehmer eine Adipositas entwickelt haben, begreifen zu können: Ist die Adipositas schon eine Art von Sucht? Ist sie möglicherweise eine Coping-Strategie für eine andere Erkrankung, beispielsweise eine Depression? Hat die Adipositas sich aus einem Genussfaktor an Essen entwickelt, der dann aus dem Ruder geraten ist? Ich glaube, dass mit einer Weiterbildung zu den Ursachen der Adipositas vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Adipositas, aber auch denen, die die Krankheit nicht betrifft, mehr Klarheit verschaffen würde.REHADAT:
Ausgehend von Ihren Erfahrungen: Welche Einschränkungen, die auch ihre Arbeitsfähigkeit beeinflussen können, nehmen Sie bei Ihren Angestellten mit Adipositas wahr?Betriebsärztin:
Die Einschränkungen, die ich bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Adipositas feststelle, treten auf körperlicher Ebene vor allem innerhalb des Bewegungsapparates auf, der durch das erhöhte Gewicht beeinträchtigt ist. Dies betrifft beispielsweise die Lendenwirbelsäule oder Kniegelenke. Diese Beeinträchtigung wird vor allem bei Berufen, in denen Hebe- und Tragevorgänge gemacht werden müssen, relevant und kann dazu führen, dass die Angestellten sich nicht ausreichend um die Personen, die sie eigentlich betreuen sollten, kümmern können. Auch kann die Adipositas zu internistischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Vorformen von Diabetes, Diabetes und natürlich einem erhöhten Cholesterinspiegel führen. Ergänzend können auch psychische Beeinträchtigungen auftreten, insofern, als dass aus meiner Erfahrung heraus Adipöse häufig als dümmer angesehen werden als Normalgewichtige. In solchen Fällen wird Adipositas oft als Willensschwäche ausgelegt, nach dem Motto: „Die müssen sich eigentlich nur anstrengen und weniger essen, dann werden sie ja dünner.“ Dabei wissen wir ja, dass es so einfach nicht ist, und dass Übergewicht durch viele andere Faktoren bedingt sein kann. Ich hatte mal eine Mitarbeiterin in der anderen Firma betreut, die in der Personalabteilung tätig und ehemals übergewichtig war. Sie berichtete mir, dass sie, nachdem sie normalgewichtig wurde, viel wertschätzender behandelt wurde, als dies der Fall gewesen war, als sie noch übergewichtig war.Recruiter:
Diese Einschätzung kann ich bestätigen, insofern als dass mir mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Adipositas berichteten, dass sie aufgrund ihres Übergewichtes wiederholt Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.
REHADAT:
Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Themenfelder, die berücksichtigt werden sollten, wenn es darum geht, Menschen mit Adipositas die Teilhabe am Arbeitsleben zu erleichtern?Betriebsärztin:
Ich finde es sehr wichtig, den Vorurteilen beziehungsweise dieser Stigmatisierung, die mit Adipositas einhergeht, entgegenzuwirken. Ein solches Entgegenwirken könnte beispielsweise durch mehr Aufklärungsarbeit erfolgen.Recruiter:
Ein Thema, welches für mich ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt, ist das der Barrierefreiheit. So könnte ich mir vorstellen, dass Menschen mit einem bestimmten Grad der Adipositas Schwierigkeiten haben, Treppen zu steigen. In diesem Kontext wäre es sinnvoll, wenn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber einen Aufzug zur Verfügung stellen würden, um die Mobilität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb der Arbeitsgebäude zu gewährleisten.
REHADAT:
Vielen Dank für das Interview.Schlagworte
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Referenznummer:
Pb/111299
Informationsstand: 30.04.2025