Praxisbeispiel
REHADAT-Wissen Adipositas – Interview „In einem guten Team ist auch die Mitarbeiterin beziehungsweise der Mitarbeiter mit Adipositas gut aufgehoben“

Kurzbeschreibung:

Ein Interview von REHADAT im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Adipositas.

Inhalte des Gesprächs sind die Themenbereiche:
  • Grund für den beruflichen Schwerpunkt Adipositas und Gründung des Adipositas- und Refluxzentrums
  • Besonders relevante Entwicklungen aus medizinischer Sicht
  • Gründe für den Anstieg von Adipositas
  • Zentrale Beeinträchtigungen, die sich negativ auf die Arbeitsfähigkeit auswirken
  • Besser oder weniger geeignete Berufe mit Adipositas
  • Verbesserung der Teilhabe durch bestimmte Maßnahmen

Das Interview mit Prof. Dr. Frank A. Granderath erfolgte im Rahmen von REHADAT-Wissen Ausgabe Adipositas.

Zu den Personen:

Prof. Dr. Frank A. Granderath ist Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Gründer des Adipositas- und Reflux-Zentrums Niederrhein. Im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn beschäftigt er sich seit 30 Jahren mit dem Themenfeld Adipositas und Reflux. Innerhalb des Adipositas- und Refluxzentrums behandeln er und sein Team jährlich zwischen 1000 und 1500 Patientinnen und Patienten. Das Zentrum selbst ist angegliedert an eine chirurgische Abteilung und beschäftigt sich im Wesentlichen mit Adipositas und Metabolischer Chirurgie.

REHADAT:

Wie kam es dazu, dass Sie sich im Bereich Ihres beruflichen Werdeganges vermehrt mit Adipositas beschäftigt haben und letztlich das Adipositas- und Refluxzentrum mitbegründet haben?

Prof. Granderath:

Ich war als junger Mann in einer chirurgischen Klinik tätig, die spezialisiert war auf die Behandlung der gastroösophagealen Refluxkrankheit und Adipositas. Ich habe also gewissermaßen die Behandlung von Adipositas und Reflux von der Pike auf gelernt und bin letztlich bei diesem Thema geblieben.

REHADAT:

Wenn Sie auf Ihre berufliche Erfahrung innerhalb des Themenfeldes Adipositas zurückblicken: Welche Entwicklungen sind, was Adipositas betrifft, aus Ihrer Sicht als Mediziner besonders relevant?

Prof. Granderath:

Ich arbeite inzwischen seit circa 30 Jahren zum Themenfeld Adipositas. Ich beobachte, dass die Zahlen der von Adipositas Betroffenen kontinuierlich weiter ansteigen. Die Statistiken bestätigen meinen Eindruck. In Deutschland sind aktuell circa 65 Prozent aller Männer und über 50 Prozent aller Frauen übergewichtig oder adipös.

REHADAT:

Was sind aus Ihrer Sicht Gründe für diesen Anstieg?

Prof. Granderath:

Ich sehe neben hormonellen Störungen, Essstörungen, genetischen Veranlagungen, psychischen Erkrankungen oder medikamentös bedingtem Übergewicht letztlich zwei Säulen als Ursache für das steigende Übergewicht bis hin zu Adipositas: Mangelnde Bewegung und die falsche Ernährung.

REHADAT:

Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Beeinträchtigungen adipöser Menschen, die sich negativ auf deren Arbeitsfähigkeit auswirken können?

Prof. Granderath:

Ich würde in diesem Zusammenhang drei Beeinträchtigungen benennen: Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates, Beschwerden innerhalb des Magen-Darmtraktes sowie psychosoziale Beschwerden.
Mit Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates, das heißt, im Bereich des Rückens, der Hüfte, Knie, Sprunggelenke, Schulter etc. haben in erster Linie Patientinnen und Patienten mit einem Grad der Adipositas von drei, das heißt, einem BMI von 40 oder höher, zu rechnen. Dies ist schlichtweg bedingt durch deren Gewicht.
Psychosoziale Beeinträchtigungen – also beispielsweise Schwermut, Depressionen etc.— können bei verschiedenen Betroffenen durch eigene Veranlagungen oder bedingt durch eine Ausgrenzung durch Kolleginnen und Kollegen entstehen.
Wie stark welche Beschwerden bei den jeweiligen Betroffenen auftreten, kann stark variieren.
Mit Blick auf eine konkrete Beeinträchtigung der Arbeit ist aus meiner Sicht zu berücksichtigen, welche Tätigkeit der/die Arbeitnehmerin beziehungsweise Arbeitnehmer konkret ausführt. So kann eine Beeinträchtigung des Bewegungsapparates bei körperlichen Tätigkeiten möglicherweise zu mehr Beschwerden führen als dies bei sitzenden Tätigkeiten der Fall wäre.

REHADAT:

Gibt es Berufe, die Sie als besser oder weniger geeignet für adipöse Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erachten?

Prof. Granderath:

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich denke, dass eine Eignung des Berufes für eine Arbeitnehmerin beziehungsweise einen Arbeitnehmer mit Adipositas stark davon abhängt, wie individuell dieser auf diejenige Arbeitnehmerin beziehungsweise denjenigen Arbeitnehmer angepasst ist.

REHADAT:

Wie kann aus Ihrer Sicht berufliche Teilhabe adipöser Menschen am besten gelingen? Gibt es zentrale Maßnahmen, die Sie in diesem Zusammenhang benennen würden?

Prof. Granderath:

Aus meiner Sicht sollten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber den Arbeitsplatz so gestalten, dass sich auch eine Arbeitnehmerin beziehungsweise ein Arbeitnehmer mit Adipositas wohl fühlt. Das betrifft unter anderem die bauliche Infrastruktur, das heißt, dafür zu sorgen, dass vernünftige Toiletten und Sitzgelegenheiten vorhanden sind, die von adipösen Menschen gut genutzt werden können. Allgemein gesprochen: Ich glaube, da sind die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gefordert, sich einfach individuell auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auseinanderzusetzen und Wünsche und Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Ergänzend spielt aus meiner Sicht für eine berufliche Teilhabe eine entscheidende Rolle, dass in einem beruflichen Team Personen gegenseitig ihre ‚Defizite‘ berücksichtigen, akzeptieren und aufeinander achtgeben. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für adipöse Patientinnen und Patienten, sondern auch für weitere eingeschränkte Menschen, die am Berufsleben teilnehmen. In einem guten Team ist auch die Mitarbeiterin beziehungsweise der Mitarbeiter mit Adipositas gut aufgehoben. Das umzusetzen ist uns am Adipositas- und Refluxzentrum sehr gut gelungen, insofern als dass wir auch ehemalige Patientinnen und Patienten ins Team geholt haben. Diese bringen ihre persönliche Erfahrung mit Adipositas ein. Ergänzend haben sie häufig ein intrinsisches Interesse an dieser Patientenklientel, das heißt, an den Menschen mit Adipositas. Unsere Patientinnen und Patienten wiederum fühlen sich in diesem Setting wahnsinnig gut aufgehoben und verstanden. Ich glaube, deswegen funktioniert auch unser Zentrum hier so gut, weil wir darauf achten, dass die Leute respektvoll und in einem gesunden und zugewandten Team betreut werden.

REHADAT:

Vielen Dank für das Interview.

ICF-Items

Mögliche Assessments – Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • EFL - Schweregrad der Arbeit (Last/Herzfrequenz)
  • ERGOS - aktuelle tägliche Dauerleistungsfähigkeit (Last/Herzfrequenz)
  • IMBA - Ausdauer (psychisch)
  • IMBA - physische Ausdauer (Last/Herz-Lungensystem)
  • IMBA - Umstellung
  • IMBA - Verantwortung
  • MELBA - Ausdauer (psychisch)
  • MELBA - Umstellung
  • MELBA - Verantwortung

Referenznummer:

Pb/111298


Informationsstand: 30.04.2025

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