Inhalt

Praxisbeispiel
REHADAT Wissensreihe Depressionen - Stell dich nicht so an, mach doch mal!

Es gibt eine Abbildung zu diesem Praxisbeispiel:
Logo REHADAT Wissensreihe

Das Interview mit Herrn Dr. Rolf Arera führte Jasmin Saidie für die REHADAT-Wissensreihe Depressionen.

Zur Person:

Dr. Arera ist Arbeitsmediziner. Er hat 24 Jahre Berufserfahrung mit einer überbetrieblichen Betriebsarztpraxis am Flughafen Düsseldorf und in der Leitung des Bereiches Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsschutz bei der ERGO-Versicherungsgruppe in Düsseldorf.

REHADAT:

Haben Sie als Betriebsarzt auch Arbeitnehmer mit depressiven Erkrankungen begleitet?

Dr. Rolf Arera:

Ja, viele. Wir haben ein System aufgebaut, bei dem die Betriebsärzte federführend in die Wiedereingliederung von erkrankten Mitarbeitern eingebunden waren. Und da hatte ich natürlich auch mit seelischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen zu tun.

REHADAT:

Gibt es Berufsgruppen, bei denen Depressionen häufiger auftreten? Zum Beispiel Manager, die besonderem Stress ausgesetzt sind, oder Produktionsarbeiter im Schichtdienst?

Dr. Rolf Arera:

Nein, das ist sehr gemischt. Es gibt keine Berufsgruppe, von der man sagen kann, dass es in ihr besonders viele Depressionen gibt.

REHADAT:

Können Arbeitsbedingungen das Entstehen von Depressionen beeinflussen?

Dr. Rolf Arera:

Ja, sicher. Unklare, belastende Arbeitsbedingungen können Depressionen negativ beeinflussen. Bei einer Depression ist es sehr wichtig, dass der Tagesablauf dem Tag-Nacht-Rhythmus entspricht. Schicht- oder Nachtdienste sind nicht förderlich. Das Arbeitszeitgesetz gibt Hinweise dazu. Darüber hinaus ist es wichtig, dass unklare Kommunikation und unsichere Zukunftsperspektiven bei der Arbeit vermieden werden. Arbeitsverhältnisse, bei denen ich nicht weiß, wo ich dran bin, bei denen ich keine Rückmeldung von Vorgesetzten oder Kollegen erhalte, ich meine Arbeit selbst nicht einschätzen kann, wirken sich auf jeden Menschen schlecht aus, auf Leute mit seelischen Erkrankungen sowieso. Stell dich nicht so an, mach doch mal!

REHADAT:

Gibt es typische Signale, die Kollegen und Vorgesetzte auf eine Depression bei Mitarbeitern hinweisen können?

Dr. Rolf Arera:

Wenn ich eine seelische Erkrankung habe, dann verhalte ich mich anders. Das veränderte Verhalten tendiert in zwei Hauptrichtungen: Entweder jemand wird unpünktlich, unzuverlässiger, die Arbeitsergebnisse werden qualitativ und quantitativ schlechter, er ist gereizt, zieht sich zurück. Oder aber jemand wird plötzlich überproduktiv und findet kein Ende mehr. Auch solche Verhaltensänderungen sollten besprochen werden. Wobei seelisch Erkrankte meist nicht gerne über ihre Krankheit sprechen. Kollegen oder Vorgesetzte sollten aber keine Diagnostik betreiben. Als Kollege kann ich lediglich feststellen, dass jemand beginnt, sich anders zu verhalten als sonst, und dies ansprechen. Komme ich hier nicht weiter, kann ich mich zum Beispiel an die Führungskraft, den Betriebsarzt oder die Schwerbehindertenvertretung wenden.

REHADAT:

Wie kann ich mich denn als Außenstehender angemessen verhalten?

Dr. Rolf Arera:

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet eine Reihe von Hinweisen und Empfehlungen zum Umgang mit Depressionen am Arbeitsplatz. Der Arbeitgeber sollte beispielsweise dafür sorgen, dass die Arbeit ergonomisch gestaltet ist. Das umfasst auch ein vernünftiges Zeitmanagement und Arbeitsaufgaben, die bewältigt werden können und keine zusätzlichen Probleme bereiten. Für Mitarbeiter mit Depression ist ein strukturierter Tagesablauf mit klar geregelten Arbeitszeiten und festen Arbeitsaufgaben wichtig. Und man sollte für Klarheit und Regeln im Umgang miteinander sorgen. Ist die Diagnose offengelegt, sollte man auch dem Team erklären, wie bei einer depressiven Erkrankung Rücksicht zu nehmen ist. Was in der Regel bei einer Depression nicht hilft, sind Appelle wie „stell dich nicht so an, mach doch mal“. Das Wesen der Depression behindert die Menschen nicht in der Wahrnehmung, sondern in der Aktion. Viele würden sich liebend gerne anders verhalten, können es aber nicht.

REHADAT:

Welche Unterstützung und finanzielle Hilfen gibt es für Arbeitgeber?

Dr. Rolf Arera:

Wenn der erkrankte Mitarbeiter in seiner Leistung gemindert ist, gibt es eine Reihe an Hilfen, zum Beispiel Arbeitshilfen, eine Arbeitszeitreduktion oder einen Beschäftigungssicherungszuschuss. Nach meiner Erfahrung hat sich gezeigt: Je höher der Grad der Behinderung (GdB) ist, desto leichter ist es, Unterstützung durch externe Stellen zu erhalten.

REHADAT:

Kann die Rückkehr in den Beruf bei Menschen mit Depressionen dauerhaft gelingen?

Dr. Rolf Arera:

Ja, wir haben viele sehr erfolgreiche Wiedereingliederungen gemacht. Das gelang, wenn auch nicht zu 100 Prozent. Wir hatten auch Patienten mit seelischen Erkrankungen, die nicht mehr arbeitsfähig wurden, die trotz aller Hilfen und Unterstützung nicht zurück zur Arbeit kamen. Aber wir hatten sicherlich eine Erfolgsquote von 90 bis 95 Prozent.

Schlagworte und weitere Informationen

Es liegen keine Informationen zur Förderung vor.

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • IMBA - Arbeitssicherheit
  • IMBA - Ausdauer (psychisch)
  • IMBA - Kontaktfähigkeit
  • IMBA - Kritikfähigkeit
  • IMBA - Kritisierbarkeit
  • IMBA - Misserfolgstoleranz
  • IMBA - Ordnungsbereitschaft
  • IMBA - Teamarbeit
  • IMBA - Umstellung
  • IMBA - Verantwortung
  • MELBA - Ausdauer (psychisch)
  • MELBA - Kontaktfähigkeit
  • MELBA - Kritikfähigkeit
  • MELBA - Kritisierbarkeit
  • MELBA - Misserfolgstoleranz
  • MELBA - Ordnungsbereitschaft
  • MELBA - Teamarbeit
  • MELBA - Umstellung
  • MELBA - Verantwortung

Referenznummer:

Pb/111075


Informationsstand: 20.05.2020

Machen Sie mit!

Stellen Sie uns Ihr Interview zur Verfügung oder vereinbaren Sie einen Interview-Termin!