Inhalt

Praxisbeispiel
REHADAT Wissensreihe Autismus - Voneinander lernen ist das Wichtigste

Es gibt eine Abbildung zu diesem Praxisbeispiel:
Logo REHADAT Wissensreihe

Das Interview mit Anne Bohr und Birgit Frenz vom Fachdienst für Autismus und Arbeit führte Heike Knaak für die REHADAT-Wissensreihe Autismus.

Zur Person und zum Unternehmen:

Anne Bohr und Birgit Frenz arbeiten für den Fachdienst für Autismus und Arbeit (FAA) der LEWAC gGmbH in Aachen. Der FAA bietet seit 2017 im Rahmen eines Projekts arbeitsmarktbezogenes Coaching für Menschen mit AutismusSpektrum-Störung.
Die Psychologin und angehende Psychotherapeutin Anne Bohr hat vor ihrer Tätigkeit beim FAA psychisch und körperlich eingeschränkte Menschen auf dem Weg zurück in das Berufsleben begleitet.
Birgit Frenz hat integrative Heilpädagogik studiert und seit fast zehn Jahren als Qualifizierungstrainerin in der Maßnahme Unterstützte Beschäftigung gearbeitet. In dieser Maßnahme werden junge Menschen mit Lernbehinderung, psychischer Behinderung und auch Menschen aus dem Autismus-Spektrum im Betrieb qualifiziert, begleitet und auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt.

REHADAT:

An welche Zielgruppen richtet sich der Fachdienst Autismus und Arbeit?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Das Projekt wendet sich an erwachsene Menschen aus dem Autismus-Spektrum (Asperger-Syndrom oder Hochfunktionaler Autismus) in der Region Aachen, die
- ihre Arbeitsstelle verloren haben,
- keine Arbeitsstelle finden (z.B. nach Ausbildung oder Studium),
- nicht wissen, welche Arbeitsstellen für sie in Frage kommen.

REHADAT:

Welche Leistungen und Angebote des Fachdienstes werden bisher hauptsächlich in Anspruch genommen?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Eine allgemeine und übergreifende berufliche Beratung ist hier zu nennen. Darüber hinaus:
- Gruppencoaching, Potenzialanalyse, berufliche Orientierung
- Bewerbungstraining und Begleitung von Vorstellungsgesprächen
- Arbeitsplatzakquise, Vermittlung und Begleitung von Praktika
- „Training-on-the-Job“
- Beratung von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern

REHADAT:

Wo liegen die Schwerpunkte des Job-Coachings?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Wir sind vor allem für berufliche Übergange zuständig, die Menschen aus dem Autismus-Spektrum schwer alleine bewerkstelligen können. Unsere Klienten und Klientinnen haben in der Regel keine Arbeit oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht. Daher findet zunächst eine Berufsorientierung mit den Klienten und Klientinnen statt. Das Coaching erfolgt im Rahmen von Praktika und Arbeitserprobungen, währenddessen wir engmaschig den Klienten bzw. die Klientin und den Betrieb begleiten.

REHADAT:

Wie ermitteln Sie die berufsbezogenen Kompetenzen und Potenziale Ihrer Klientinnen und Klienten?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Durch einen umfassenden Prozess gewinnen wir einen ganzheitlichen Blick auf den Klienten oder die Klientin. Dazu gehört auch das Verhalten in der Gruppe. Ein realistischer Gesamteindruck ist Voraussetzung, um individuelle Kompetenzen zu erfassen. Bei einer Erstberatung (ggf. mit sozialen Bezugspersonen) stellen sich Fachdienst und Klient oder Klientin gegenseitig vor und klären anschließend, ob eine Zusammenarbeit von beiden Seiten aus möglich ist. Es folgt eine Potenzialanalyse bzw. eine individuelle Berufswegeplanung. Als Methode werden Kompetenzkarten eingesetzt, die in Interviewform Rückschlüsse auf Stärken und Schwächen der Person zulassen. So können wir den Betreuungsbedarf bestimmen und eine Zielvereinbarung treffen. Anschließend werden zur Stabilisierung und Praxisvorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt entsprechende Einzel- und Gruppencoachings durchgeführt (z.B. Umgang mit der Diagnose, soziales Kommunikationstraining, Bewerbungstraining). In Abstimmung mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter und unter Berücksichtigung des Berufswegeplans werden Praktika und Arbeitserprobungen geplant. Geeignete Stellen finden wir über unser breites Netzwerk an Betriebskontakten und kooperierenden Institutionen sowie über die Akquirierung neuer Betriebe.

REHADAT:

Welche typischen Fragen haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Worauf müssen wir achten, welche Probleme können auftauchen? Oder auch:
- Worin zeigt sich der Autismus?
- Welche Tätigkeiten kann die Person nicht machen?
- Wieso konnte die Person bisher trotz Qualifikation nicht Fuß fassen?

REHADAT:

Wie unterstützen Sie Betriebe, Klientinnen und Klienten während des Praktikums bzw. beim Training-on-the-Job?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Wir bereiten das Praktikum gut vor. Wichtig ist, dass sich Betrieb und Klient oder Klientin vorher intensiv kennenlernen. Der Betrieb erhält ausführliche Informationen über die individuellen autistischen Merkmale des Klienten beziehungsweise der Klientin. Rahmenbedingungen werden vereinbart, die auf Grund des Autismus berücksichtigt werden müssen. Weitere unterstützende Maßnahmen sind:
- Bestimmung eines Paten oder einer Patin im Betrieb (der / die auch über Autismus aufklären kann)
- Begleitung zum Praktikumsstart
- Regelmäßige, meist wöchentliche Reflexionsgespräche zwischen Klienten beziehungsweise Klientinnen und Pate oder Patin im Betrieb
- Suchen von Lösungsansätzen bei schwierigen Situationen - „Übersetzen“ von Konflikten, Impulse setzen für Lösungen
- Flexible Krisenintervention bei Problemen und Schwierigkeiten
- Gegebenenfalls Aufklärung der Belegschaft über autistische Merkmale
- Übernahme von Formalitäten und Korrespondenz mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter
- Erstellen einer Arbeitsplanung (für einzelne Arbeitsschritte oder Gesamtplan bei Bedarf)

REHADAT:

Gibt es Coaching-Angebote begleitend zum Training-on-the-Job?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Es gibt das Gruppencoaching, das umfassende Bereiche abdeckt. Nach Bedarf gibt es zusätzliche Einzelcoachings bei uns, z.B. Telefontraining oder das Üben von Small-Talk-Situationen.

REHADAT:

Wenn Sie eine Klientin oder einen Klienten in einen Betrieb vermitteln konnten: Mit welchen Maßnahmen sichern Sie den Inklusionserfolg auf lange Sicht?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Wir stellen die weitere Begleitung des Klienten beziehungsweise der Klientin sicher und vermitteln den Kontakt zu anderen Institutionen, die berufliche Begleitung anbieten (z.B. Integrationsfachdienst). Des Weiteren beraten wir den Betrieb über die Möglichkeit von Förderungen, stellen den Kontakt zu den zuständigen Stellen her und helfen bei der Beantragung von Fördergeldern. Auch über die Vermittlung hinaus stehen wir dem Klienten beziehungsweise der Klientin und dem Betrieb beratend zur Verfügung.

REHADAT:

Welche Tipps geben Sie Unternehmen, die Fachkräfte mit Autismus suchen und einstellen möchten?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Ganz wichtig sind Offenheit und keine Ängste davor zu haben, Fehler im Kontakt mit dem autistischen Menschen zu machen. Außerdem:
- Keine Stereotype vor Augen haben, keinen „Rain Man“ erwarten
- Voneinander Lernen ist das Wichtigste
- Gute Vorbereitung und intensives Kennenlernen, um Missverständnisse zu vermeiden
- Gegebenenfalls Abklärung der Arbeitsplatzeinrichtung vor Ort
- Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten nutzen
- Eindeutige Kommunikation, um Missverständnisse zu vermeiden
- Ansprechperson benennen
- Eindeutige Arbeitsaufträge erteilen
- Gegebenenfalls auf ehrliche und sehr direkte Worte gefasst sein

REHADAT:

Durch welche Potenziale / mit welchen Fähigkeiten können Menschen mit ASS Unternehmen bereichern?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Alle unsere Klienten und Klientinnen sind einzigartig und zeichnen sich durch sehr individuelle Potenziale und Fähigkeiten aus, mit denen sie ein Unternehmen bereichern können. Es gibt aber durchaus Fähigkeiten, die uns häufiger begegnen. Dazu gehören:
- Genauigkeit und Sorgfalt
- Erfolgreiche Fehlersuche
- Rationalität
- Ehrlichkeit

REHADAT:

Was sind Erfolgsfaktoren bei der beruflichen Inklusion von Menschen mit ASS?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Sehr wichtig ist ein intensives Kennenlernen des Klienten beziehungsweise der Klientin. Ebenfalls wichtig sind:
- Vertrauen als Basis unserer Arbeit
- Eigeninitiative des Klienten beziehungsweise der Klientin fördern
- Ausführliche Potenzialanalyse
- Gute Vorbereitung auf den Betrieb
- Intensive Begleitung der Praktika
- Ausführliche berufliche Orientierung
- Den passgenauen Betrieb finden
- Offenheit auf allen Seiten (Klient beziehungsweise Klientin, Betrieb, Unterstützer und Unterstützerinnen)
- Langfristige Begleitungs- und Fördermöglichkeiten für Klienten, Klientinnen und Betriebe

REHADAT:

Was überrascht Sie bei Ihrer Arbeit?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Die hohe Bereitschaft von Menschen mit Autismus, sich mit der eigenen Person und der Autismus-Diagnose auseinanderzusetzen. Außerdem der ausgeprägte Wunsch nach sozialem Austausch und nach Beziehung. Darüber hinaus ist es beeindruckend, welche Kleinigkeiten manchmal dem einzelnen Klienten beziehungsweise der Klientin helfen, um im Prozess weiterzukommen, und wie verrückt es ist, dass der Prozess vorher genau an jenen Stellen ins Stocken geraten war, weil eben diese Kleinigkeiten nicht verfügbar waren. Insgesamt ist es bemerkenswert, wie zufrieden die Menschen nach dem Erstgespräch oftmals sind, weil sie ihre Geschichte und ihre Probleme darstellen durften.

REHADAT:

Haben Sie ein Motto, bezogen auf Ihre Tätigkeit?

Anne Bohr, Birgit Frenz:

Ein fortlaufendes „Voneinander Lernen“ ist der erfolgreichste Weg, Prozesse zu initiieren und Perspektiven zu schaffen! Jeder Autist ist anders, jeder Autist ist Experte für sich selbst und wir sind seine „Übersetzer“!

Schlagworte und weitere Informationen

Es liegen keine Informationen zur Förderung vor.

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • IMBA - Kontaktfähigkeit
  • IMBA - Kritikfähigkeit
  • IMBA - Kritisierbarkeit
  • IMBA - Misserfolgstoleranz
  • IMBA - Ordnungsbereitschaft
  • IMBA - Teamarbeit
  • MELBA - Kontaktfähigkeit
  • MELBA - Kritikfähigkeit
  • MELBA - Kritisierbarkeit
  • MELBA - Misserfolgstoleranz
  • MELBA - Ordnungsbereitschaft
  • MELBA - Teamarbeit

Referenznummer:

Pb/111074


Informationsstand: 20.05.2020

Machen Sie mit!

Stellen Sie uns Ihr Interview zur Verfügung oder vereinbaren Sie einen Interview-Termin!