Praxisbeispiel
Kurzbeschreibung:
Ein Interview des Online-Angebotes deafservice.de im Rahmen von „Experten des Monats“ mit dem gehörlosen Fotografen Anton Schneid.Inhalte des Interviews sind die Themenbereiche:
- Weg in den Beruf und besonderes Interesse daran
- Einfluss der Behinderung auf den fotografischen Blick und die Arbeitsweise
- Besonders in Erinnerung gebliebene Sportveranstaltungen bei der Bildberichterstattung
- Weg in die Sportfotografie
- Weitere Themen und Motive in der Fotografie
- Arbeiten mit Hörenden wie Auftraggebende und Models bei Fotoshootings
- Arbeitsweise allgemein und in welcher Form
- Vorteile durch die Gehörlosigkeit im Job und bei bestimmten Situationen
- Kontakt und Austausch mit hörenden Fotografinnen und Fotografen
- Empfehlung an junge Menschen mit Gehörlosigkeit, die sich für Fotografie interessieren
Ein Interview des Online-Angebotes deafservice.de im Rahmen von „Experten des Monats“ mit Personen, die Menschen mit einer Hörbehinderung oder Gehörlosigkeit beraten oder für sie Dienstleistungen anbieten. So wie der gehörlose Fotograf Anton Schneid.
Die Textverfassung zum Interview stammt von Judit Nothdurft und ist auch für Personen mit Gehörlosigkeit verständlich formuliert.
Deshalb habe ich mich auch in die Fotografie verliebt. Wenn ich Fotos anschaue, sehe ich oft sofort die „Sprache der Gehörlosen“, vor allem, wenn Mimik und Gestik auf den Bildern zu erkennen sind.
Der Fotoauftrag kam vom ICSD (International Committee of Sports for the Deaf) und ich war der einzige Fotograf für den Weltverband. Es war ein Knochenjob, 20 Sportarten in 10 Tagen allein zu fotografieren! Aber ich wurde verwöhnt, ich bekam einen eigenen Chauffeur und eine Begleitdame. Trotzdem, wenn ich abends zurück im Hotel war, ging die Arbeit weiter, Auswahl, Bearbeitung und Veröffentlichung der Fotos. Oft ging es bis weit nach Mitternacht.
Von Taiwan selbst habe ich kaum etwas gesehen. Aber die Menschen dort waren so freundlich und hilfsbereit, sie haben mich tief beeindruckt. Wenn ich eine Frage hatte, kamen manchmal 20 Helferinnen (meist Hörende) lächelnd auf mich zu. Das ging mir sehr ans Herz. So etwas erlebt man in Deutschland selten. Auch der ICSD hat meine Arbeit sehr geschätzt.
Eine weitere schöne Erinnerung: Ich fotografierte eine Hochzeit in Ravello an der Amalfiküste in Italien. Die Gesellschaft, wie auch das Brautpaar, war gemischt: hörend und gehörlos. Die Umgebung und die Atmosphäre waren perfekt für die Fotografie. Besonders zur „blauen Stunde“ – mit den Bergen, dem Meer, den kerzenbedeckten Tischen draußen. Es war einfach traumhaft schön!
Tatsächlich bekam ich schon 1987 meinen ersten offiziellen Fotoauftrag vom DGSV bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im Münchner Olympiastadion. Damals fotografierten wir noch mit Kleinbildfilm, der nur 36 Aufnahmen erlaubte. Beim 100-Meter-Lauf konnte ich vielleicht zwei, maximal drei Bilder machen. Heute mit digitalen Kameras entstehen bei einem Lauf oft 200 Aufnahmen. Die Technik hat sich enorm verändert, aber mein Blick für den richtigen Moment ist geblieben.
Heutzutage läuft alles in digitaler Form. Bei Hochzeiten möchten viele Paare die Fotos am liebsten gleich am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel bekommen. Vor allem, wenn sie direkt in die Flitterwochen starten. Dann ist es ihnen wichtig, die Bilder schon mitnehmen zu können.
Andere wiederum überlassen mir die Auswahl der besten Fotos und die Bearbeitung. Das dauert natürlich etwas länger, aber dafür kann ich gezielt nach Qualität und Ausdruck auswählen. Jeder hat eben seinen eigenen Geschmack, und das lässt sich am besten im Dialog abstimmen.
Bei Hochzeiten oder Theaterfotografie hingegen arbeite ich lieber allein. So kann ich mich voll und ganz auf die entscheidenden Momente konzentrieren. Als Fotograf darf man das Wichtigste nicht verpassen, denn es gibt keine Wiederholung speziell für mich.
Anfangs war ich etwas eitel, zum Beispiel, wenn man sich für gute Bilder auf den Boden vor einer Sandgrube legen musste. Aber er hat mich dazu gebracht, genau das zu tun. Seine Tipps haben mir enorm geholfen. Heute bin ich ihm sehr dankbar für meine Weiterentwicklung!
Heute greifen viele junge Gehörlose lieber zum Smartphone und sagen: Das reicht doch vollkommen. Ich erkläre dann oft, warum das nicht ganz stimmt und wie viel mehr möglich ist, wenn man sich intensiver mit der Kamera beschäftigt und lernen möchte, noch bessere Fotos zu machen.
Die Textverfassung zum Interview stammt von Judit Nothdurft und ist auch für Personen mit Gehörlosigkeit verständlich formuliert.
Zur Person:
Anton Schneid arbeitet als Fotograf speziell, wenn es um Bildberichterstattungen bei Sportveranstaltungen geht, wie z. B. die Olympischen Spiele von Menschen mit Gehörlosigkeit (Deaflympics). Er ist der offizielle Fotograf der ICSD (Internationales Komitee des Gehörlosensports) weltweit und der EDSO (Europäische Gehörlosensport Organisation) auf europäischer Ebene.deafservice.de:
Wie bist du zur Fotografie gekommen und was hat dich daran besonders fasziniert, Anton?Anton Schneid:
Mein 13 Jahre älterer Bruder hat mich motiviert, als ich 12 Jahre alt war. Er schenkte mir eine einfache Kamera. Gemeinsam übten wir die Einstellungen, machten Fotos, entwickelten die Filme selbst und produzierten schwarz-weiß Bilder, auch für Leute, die welche bestellt hatten. Das große Interesse und die Nachfrage haben mich zusätzlich motiviert. Es war ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden!deafservice.de:
Inwiefern beeinflusst deine Gehörlosigkeit deinen fotografischen Blick oder deine Arbeitsweise?Anton Schneid:
Die Gebärdensprache basiert stark auf visuellem Wahrnehmen – so, wie Gehörlose die Welt eben sehen. Das passt perfekt zur Fotografie. Viele Dinge werden bildlich festgehalten, weil Gehörlose ein ausgeprägtes visuelles Denken haben.Deshalb habe ich mich auch in die Fotografie verliebt. Wenn ich Fotos anschaue, sehe ich oft sofort die „Sprache der Gehörlosen“, vor allem, wenn Mimik und Gestik auf den Bildern zu erkennen sind.
deafservice.de:
Du fotografierst bei sehr vielen nationalen und internationalen Sportevents und warst bereits bei fünf Deaflympics, bei den Olympischen Spiele für Gehörlose tätig. Gibt es eine Veranstaltung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?Anton Schneid:
Die Deaflympics 2009 in Taipeh (Taiwan) sind mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben!Der Fotoauftrag kam vom ICSD (International Committee of Sports for the Deaf) und ich war der einzige Fotograf für den Weltverband. Es war ein Knochenjob, 20 Sportarten in 10 Tagen allein zu fotografieren! Aber ich wurde verwöhnt, ich bekam einen eigenen Chauffeur und eine Begleitdame. Trotzdem, wenn ich abends zurück im Hotel war, ging die Arbeit weiter, Auswahl, Bearbeitung und Veröffentlichung der Fotos. Oft ging es bis weit nach Mitternacht.
Von Taiwan selbst habe ich kaum etwas gesehen. Aber die Menschen dort waren so freundlich und hilfsbereit, sie haben mich tief beeindruckt. Wenn ich eine Frage hatte, kamen manchmal 20 Helferinnen (meist Hörende) lächelnd auf mich zu. Das ging mir sehr ans Herz. So etwas erlebt man in Deutschland selten. Auch der ICSD hat meine Arbeit sehr geschätzt.
Eine weitere schöne Erinnerung: Ich fotografierte eine Hochzeit in Ravello an der Amalfiküste in Italien. Die Gesellschaft, wie auch das Brautpaar, war gemischt: hörend und gehörlos. Die Umgebung und die Atmosphäre waren perfekt für die Fotografie. Besonders zur „blauen Stunde“ – mit den Bergen, dem Meer, den kerzenbedeckten Tischen draußen. Es war einfach traumhaft schön!
deafservice.de:
Wie bist du eigentlich zur Sportfotografie gekommen? Gab es einen Auslöser?Anton Schneid:
Das verdanke ich meiner Tochter Georgina! Als sie noch klein war, nahm sie an regionalen Leichtathletik-Wettkämpfen teil und ich fotografierte sie mit einfachen Kameras. Je besser sie wurde und es bis ins Nationalteam schaffte, desto besser wurden auch meine Fotoausrüstung und meine Bilder. Dadurch wurde schließlich auch der DGSV (Deutscher Gehörlosen-Sportverband) auf mich aufmerksam.Tatsächlich bekam ich schon 1987 meinen ersten offiziellen Fotoauftrag vom DGSV bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im Münchner Olympiastadion. Damals fotografierten wir noch mit Kleinbildfilm, der nur 36 Aufnahmen erlaubte. Beim 100-Meter-Lauf konnte ich vielleicht zwei, maximal drei Bilder machen. Heute mit digitalen Kameras entstehen bei einem Lauf oft 200 Aufnahmen. Die Technik hat sich enorm verändert, aber mein Blick für den richtigen Moment ist geblieben.
deafservice.de:
Gibt es auch weitere Themen oder Motive, die dich besonders ansprechen?Anton Schneid:
Ja, ich interessiere mich auch sehr für Porträt-, Kinder- und Theaterfotografie. Das ist eine ganz andere Welt im Vergleich zum Sport. Ich liebe es, Persönlichkeiten im Bild festzuhalten dabei sieht man ganz andere Ausdrucksformen.deafservice.de:
Hast du auch hörende Auftraggeber? Wie kommunizierst du bei Fotoshootings mit Models oder Kunden – und wie reagieren sie darauf?Anton Schneid:
Mein unvergesslicher Auftrag war der mit der weltbekannten Schauspielerin Hanna Schygulla. Sie hatte ein gutes Mundbild und wir konnten problemlos kommunizieren. Ich konnte meine Vorstellungen und Wünsche beim Fotoshooting gut einbringen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und später auch alleine zusammen gute Weine getrunken.deafservice.de:
Wie schnell bekommen deine Auftraggeber die Bilder und in welcher Form?Anton Schneid:
Ich kläre immer im Vorfeld den Wunsch des Auftraggebers und passe mich da völlig an. Der Kunde ist schließlich König.Heutzutage läuft alles in digitaler Form. Bei Hochzeiten möchten viele Paare die Fotos am liebsten gleich am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel bekommen. Vor allem, wenn sie direkt in die Flitterwochen starten. Dann ist es ihnen wichtig, die Bilder schon mitnehmen zu können.
Andere wiederum überlassen mir die Auswahl der besten Fotos und die Bearbeitung. Das dauert natürlich etwas länger, aber dafür kann ich gezielt nach Qualität und Ausdruck auswählen. Jeder hat eben seinen eigenen Geschmack, und das lässt sich am besten im Dialog abstimmen.
deafservice.de:
Arbeitest du lieber allein oder im Team – und warum?Anton Schneid:
Das kommt ganz auf den Auftrag an. Beim DGSV arbeite ich sehr gerne im Team, seit vielen Jahren mit Pit Schöler. Wir verstehen uns hervorragend und teilen die gleiche Arbeitsauffassung. Dadurch läuft alles effizienter, besonders im Sportbereich, wo oft mehrere Disziplinen gleichzeitig stattfinden. Da ist Teamarbeit unerlässlich. Für Tokio im November 2025 haben wir erstmals eine dritte Person ins Team geholt – diesmal eine Frau.Bei Hochzeiten oder Theaterfotografie hingegen arbeite ich lieber allein. So kann ich mich voll und ganz auf die entscheidenden Momente konzentrieren. Als Fotograf darf man das Wichtigste nicht verpassen, denn es gibt keine Wiederholung speziell für mich.
deafservice.de:
Gibt es Momente, in denen du das Gefühl hast, dass deine Gehörlosigkeit ein Vorteil für deine Arbeit ist?Anton Schneid:
Ja, absolut! Ich kann mich besser konzentrieren, weil ich mich nicht von Geräuschen ablenken lasse. Ich nehme alles rein visuell wahr, suche gezielt nach den besten Momenten und fokussiere mich nach vorn, weil ich ja ohnehin nichts von hinten hören kann.deafservice.de:
Hast du Kontakt auch zu hörenden Fotografen? Wie sind ihre Reaktionen auf deine Arbeit? Fühlst du dich dort angesehen und unterstützt?Anton Schneid:
Ja, vor etwa 20 Jahren habe ich mit einem hörenden Sportfotografen namens „Frankieboy“ zusammengearbeitet. Er war mein Mentor und hat mir im Bereich Sportfotografie viel beigebracht. Für ihn spielte es keine Rolle, dass ich gehörlos bin, er sagte: Es macht keinen Unterschied, ob ein Gehörloser oder ein Hörender fotografiert.Anfangs war ich etwas eitel, zum Beispiel, wenn man sich für gute Bilder auf den Boden vor einer Sandgrube legen musste. Aber er hat mich dazu gebracht, genau das zu tun. Seine Tipps haben mir enorm geholfen. Heute bin ich ihm sehr dankbar für meine Weiterentwicklung!
deafservice.de:
Was würdest du jungen gehörlosen Menschen raten, die sich für Fotografie interessieren?Anton Schneid:
Ich gebe sehr gerne dreitägige Fotokurse für Gehörlose und möchte mein Wissen weitergeben. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass viele Teilnehmer Talent haben, oft fehlt nur der Mut. Und sie wissen häufig nicht, welches Potenzial in ihrer Kamera steckt. Das „Gewusst wie“ ist entscheidend.Heute greifen viele junge Gehörlose lieber zum Smartphone und sagen: Das reicht doch vollkommen. Ich erkläre dann oft, warum das nicht ganz stimmt und wie viel mehr möglich ist, wenn man sich intensiver mit der Kamera beschäftigt und lernen möchte, noch bessere Fotos zu machen.
deafservice.de:
Vielen Dank für das Interview!Schlagworte
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Referenznummer:
Pb/111302
Informationsstand: 11.06.2025