Inhalt

Praxisbeispiel
Betriebliches Eingliederungsmanagement bei einem kleinen Chemie-Unternehmen

1 Unternehmen

1.1 Profil

Das kleine Chemie-Unternehmen wurde 1978 gegründet. Es hat sich in einer Nische des Bausektors spezialisiert und stellt Produkte im Fußbodenaufbau her, wie zum Beispiel Bitumenpapiere für Estrichleger in Deutschland. Außerdem beliefert das Unternehmen die Industrie europaweit mit bauchemischen Produkten für Fußboden-Heizsysteme, die im Unternehmen selbst gefertigt werden. Des Weiteren finden die Produkte auch Anwender in der Verpackungsindustrie.

Beschäftigte Mitarbeiter im Unternehmen:
- 1 Betriebsleiterin
- 3 Produktionshelfer
- 1 Chemisch-technischer Assistent (CTA)
- 1 kaufmännische Angestellte
- 1 Auszubildende (Verwaltung)
- 1 Reinigungskraft
- 1 Geschäftsführer

Behinderte/erkrankte Mitarbeiter:
- eine Person ist schwerbehindert, der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 50
- eine Person hatte vor 2 Jahren einen Herzinfarkt und nahm anschließend an einer Umschulung in einem Berufsförderungswerk teil
- eine Person hatte vor 3 Jahren einen Privatunfall mit Hirnverletzung
- eine Person hat eine Armbehinderung

1.2 Unternehmenskultur

Die Gesundheit der Beschäftigten ist für das Unternehmen immens wichtig; denn gerade in Kleinunternehmen sind die Arbeitsplätze bzw. Positionen nicht doppelt besetzt. Die individuelle Kenntnis der Details zu betrieblichen Abläufen, Kunden, Rezepturen und zur Maschinentechnik macht jeden der Beschäftigten zu einem nur schwer verzichtbaren Teil des ganzen Teams. So ist z. B. die Betriebsleiterin schon seit der Gründung beim Kleinunternehmen beschäftigt, hat viele der Maschinen mit entwickelt und engagiert sich weit über das übliche Maß hinaus. Diese starke Bindungen erfordern auch eine besondere Verantwortung und einen besonderen Schutz durch den Unternehmer. Darum ist dem Geschäftsführer die Gesundheit aller im Unternehmen Beschäftigten auch persönlich sehr wichtig.
Ziel des Unternehmens bzw. des Geschäftsführers ist es, dass die Gesundheit der Beschäftigten auch über deren Beschäftigungszeit hinaus erhalten bleibt. Aus diesem Grund entschloss sich der Geschäftsführer das gesetzlich vorgeschriebene betriebliche Eingliederungsmanagement einzuführen (vgl. SGB IX § 167).

2 Vorgehen bei der Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements

2.1 Externe Stellen

Zur Entwicklung und Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements wurde ein externer Dienstleister als Hauptpartner hinzugezogen. Die Mitarbeiter des Chemieunternehmens wurden über die Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements informiert und die Erlaubnis zur elektronischen Verarbeitung der persönlichen Daten, inklusive der Arbeitsausfallzeiten von den Beschäftigten, eingeholt. Das Chemieunternehmen bzw. der Geschäftsführer hatte bereits vorher die Beratung des externen Dienstleisters in Anspruch genommen, um eine geeignete Lösung zur Reduzierung der Krankenlage der ältesten Mitarbeiterin zu finden. Außerdem wurden die zuständigen Ansprechpartner der Berufsgenossenschaft, des Integrationsamtes / Integrationsfachdienstes, der Rentenversicherungsträger, der Arbeitsmedizin / Betriebsarzt und der Krankenkassen zur Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements hinzugezogen.

Externer Dienstleister:
Um das zukünftig strukturierte Vorgehen bei Erkrankungen von Beschäftigten zu fixieren, wurde ein Ordner zum betrieblichen Eingliederungsmanagement angelegt, in dem alle Ansprechpartner mit Adresse und Telefonnummer aufgeführt sind. Das Vorgehen bei einer Erkrankung mit mehr als 42 arbeitsunfähigen Tagen innerhalb von 365 Tagen wurde festgelegt (wer ist in welchen Fällen zu benachrichtigen?) und im entsprechenden Ordner abgelegt. Der Ordner wurde allen Mitarbeitern vorgestellt. Somit ist auch bei Abwesenheit des Geschäftsführers gewährleistet, dass alle notwendigen Schritte eingeleitet werden. Die Informationen zur Möglichkeit der stufenweisen Wiedereingliederung wurden vom Dienstleiter zusammengestellt und ebenfalls im Ordner abgelegt. Nach der Beobachtung der einzelnen Tätigkeiten in der Produktion durch den Dienstleister, wurden verschiedene technische Hilfen erdacht, mit einfachen Mitteln umgesetzt und eingeführt. Diese technischen Hilfen erleichtern die Tätigkeiten und beugen langfristig Erkrankungen und Behinderungen vor.
Beispiele:
- Kanister wurden bisher nach Abfüllung aus der Maschine nach unten auf einer Palette auf dem Boden abgestellt. Heute werden die Kanister auf derselben Höhe hinüber gezogen auf einen erhöhten Stapel von Paletten.
- Zur Erhöhung der Sicherheit wurden die Verkehrswege im Betrieb gemeinsam mit den Beschäftigten durch gelbe Markierungen gekennzeichnet.
- Für Hebe- und Transportarbeiten werden Hilfsmittel (Gabelstapler) eingesetzt.
In REHADAT finden Sie auch Transportfahrzeuge und Positionierungshilfen.

Berufsgenossenschaft:
Die Berufsgenossenschaft hat zusammen mit einem Arbeitsmediziner das Unternehmen in Augenschein genommen. Es wurde eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung erstellt. Für erforderliche Verbesserungen wurden noch weitere Informationen zur Hilfe zugesagt, die inzwischen auch im Unternehmen eingetroffen sind.

Integrationsamt/Integrationsfachdienst (IFD):
Die Mitarbeiter des Integrationsamtes und des Integrationsfachdienstes kannten die Vorgaben zum betrieblichen Eingliederungsmanagement sehr genau und empfahlen dem Unternehmen, in Bezug auf schwerbehinderte Mitarbeiter, auch die örtliche Fürsorgestelle einzuschalten. Sämtliche Angaben wurden in den Order zum betrieblichen Eingliederungsmanagement aufgenommen.

Krankenkassen:
Um möglichst viele Personen, die im Krankheitsfall der Beschäftigten aktiv werden sollen, schon im Vorfeld zu kennen und somit eine Art Netzwerk der Ansprechpartner für den Betrieb zu bilden, wurde der Kontakt zu allen zuständigen Krankenkassen hergestellt. Somit hatte das Unternehmen für das betriebliche Eingliederungsmanagement einen Ansprechpartner und erhielt durch die Gespräche die Gelegenheit, die Möglichkeiten zur Unterstützung der Gesundheitsförderung und Prävention für den Betrieb kennen zu lernen.

Arbeitsmedizin:
Nach der Begehung durch den Arbeitsmediziner, wurde von einer Mitarbeiterin des externen Dienstleisters und dem Geschäftsführer ein Maßnahmekatalog erstellt. Dieser wurde sukzessive abgearbeitet.

2.2 Analyse der Ist-Situation

Es wurden verschiedene Begehungen durchgeführt, Arbeitsplätze analysiert sowie Dokumente erstellt oder überarbeitet.

Mitarbeiter-Befragung:
Bei der Durchführung einer Mitarbeiterbefragung zur Einschätzung der Anforderungen und der Gefährdungspotenziale an den Arbeitsplätzen wurden die verschiedenen Sichtweisen miteinander abgeglichen und konkreter Handlungsbedarf ermittelt.

Des Weiteren dokumentierte der Dienstleister die Anforderungen an den verschiedenen Arbeitsplätzen mit Hilfe von IMBA (Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt) Anforderungsprofilen.

Überarbeitung der Fehlzeitendokumentation:
Bei Sichtung der bisherigen Fehlzeitendokumentation wurde festgestellt, dass eine Jahres übergreifende Erfassung nicht gewährleistet war. Um eine fortlaufende Erfassung der Fehlzeiten der Mitarbeiter zu gewährleisten, wurde die Form der Dokumentation so überarbeitet, dass die Fehlzeiten auf einen Blick zu übersehen sind.

Bestandsaufnahme Maßnahmen zur Gesundheitsförderung:
In Zusammenarbeit (externer Dienstleister und Geschäftsführer) wurden die bereits bestehenden Angebote für die Gesundheit der Beschäftigten dokumentiert:
- die Beschäftigten bestimmen ihre Pausenzeiten selbst
- die Beschäftigten haben in den Sozialräumen die Möglichkeit, eine vollständig eingerichtete Küche zur Vorbereitung ihrer Speisen zu nutzen, also auch die Gelegenheit Gerichte frisch zuzubereiten
- der Geschäftsführer begrüßt jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter täglich persönlich und erkundigt sich nach deren Befinden, oft kommen diese mit Fragen oder Sorgen aus dem privaten Bereich zu ihm und es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht
- bei den Montagsbesprechungen werden nicht nur die anstehenden Aufgaben für die beginnende Woche besprochen, sondern es wird auch Gelegenheit gegeben, Themen aus dem sozialen Bereich in großer Runde anzusprechen
- die Beschäftigten haben kostenlos und unbegrenzt frisches Trinkwasser aus einem Spender zur Verfügung, welches im Winter auch aufgebrüht werden kann und zur Bereitung heißer Imbisse oder Getränke dient

Alle diese Angebote wurden sofort nach Einführung angenommen und intensiv genutzt. Außerdem gelang es, zwei Mitarbeiter bei der Raucherentwöhnung erfolgreich zu unterstützen.

3 Zusammenfassung der Ergebnisse

- Einbindung der Mitarbeiter in das betriebliche Eingliederungsmanagement mit deren Einverständnis
- Überarbeitung der Dokumentation der Fehlzeiten
- Erstbegehung durch einen Betriebsarzt
- Erstellung einer Gefährdungsanalyse und -beurteilung
- erfolgreiche Integration einer erkrankten Mitarbeiterin
- Anschaffung und interne Herstellung technischer Arbeitshilfen
- Verbesserung der Ergonomie an den Bildschirmarbeitsplätzen
- Markierung der Verkehrswege und Sperrflächen
- Einführung einer Apfelpause zur Erholung (Äpfel werden vom Arbeitgeber kostenlos bereitgestellt)
- Erstellung eines Hautschutzplanes und Anschaffung der Produkte
- Verbesserung der Luftqualität im Büro durch weitere großblättrige Pflanzen

Die Leistung der Mitarbeiterin mit den Beschwerden in den Armen konnte durch das Greifen aller Maßnahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements von unter 70 % wieder auf über 90 % gesteigert werden. Die Arbeitsausfallzeiten aller Mitarbeiter aus betrieblichen Gründen haben sich um 60 % verringert.

Die Beschäftigten arbeiten merklich motivierter und haben sich bei allen Maßnahmen selbst mit eingebracht. Gerade für die behinderten Beschäftigten und für die mit Vorerkrankungen, aber auch für alle anderen im Betrieb, ist die Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements ein Schritt zu einem gesundheitserhaltenden Arbeitsleben.

Schlagworte und weitere Informationen

In Zusammenarbeit (externer Dienstleister und Geschäftsführer) wurden die bereits bestehenden Angebote für die Gesundheit der Beschäftigten dokumentiert:
- die Beschäftigten bestimmen ihre Pausenzeiten selbst
- die Beschäftigten haben in den Sozialräumen die Möglichkeit, eine vollständig eingerichtete Küche zur Vorbereitung ihrer Speisen zu nutzen, also auch die Gelegenheit Gerichte frisch zuzubereiten
- der Geschäftsführer begrüßt jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter täglich persönlich und erkundigt sich nach deren Befinden, oft kommen diese mit Fragen oder Sorgen aus dem privaten Bereich zu ihm und es wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht
- bei den Montagsbesprechungen werden nicht nur die anstehenden Aufgaben für die beginnende Woche besprochen, sondern es wird auch Gelegenheit gegeben, Themen aus dem sozialen Bereich in großer Runde anzusprechen
- die Beschäftigten haben kostenlos und unbegrenzt frisches Trinkwasser aus einem Spender zur Verfügung, welches im Winter auch aufgebrüht werden kann und zur Bereitung heißer Imbisse oder Getränke dient

Alle diese Angebote wurden sofort nach Einführung angenommen und intensiv genutzt. Außerdem gelang es, zwei Mitarbeiter bei der Raucherentwöhnung erfolgreich zu unterstützen.

3 Zusammenfassung der Ergebnisse
- Einbindung der Mitarbeiter in das betriebliche Eingliederungsmanagement mit deren Einverständnis
- Überarbeitung der Dokumentation der Fehlzeiten
- Erstbegehung durch einen Betriebsarzt
- Erstellung einer Gefährdungsanalyse und -beurteilung
- erfolgreiche Integration einer erkrankten Mitarbeiterin
- Anschaffung und interne Herstellung technischer Arbeitshilfen
- Verbesserung der Ergonomie an den Bildschirmarbeitsplätzen
- Markierung der Verkehrswege und Sperrflächen
- Einführung einer Apfelpause zur Erholung (Äpfel werden vom Arbeitgeber kostenlos bereitgestellt)
- Erstellung eines Hautschutzplanes und Anschaffung der Produkte
- Verbesserung der Luftqualität im Büro durch weitere großblättrige Pflanzen

Die Leistung der Mitarbeiterin mit den Beschwerden in den Armen konnte durch das Greifen aller Maßnahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements von unter 70 % wieder auf über 90 % gesteigert werden. Die Arbeitsausfallzeiten aller Mitarbeiter aus betrieblichen Gründen haben sich um 60 % verringert.

Die Beschäftigten arbeiten merklich motivierter und haben sich bei allen Maßnahmen selbst mit eingebracht. Gerade für die behinderten Beschäftigten und für die mit Vorerkrankungen, aber auch für alle anderen im Betrieb, ist die Einführung des betrieblichen Eingliederungsmanagements ein Schritt zu einem gesundheitserhaltenden Arbeitsleben.

Förderung und Mitwirkung:
Nach dem SGB IX § 167 Abs. 3 können die Rehabilitationsträger (z. B. Rentenversicherungsträger und Berufsgenossenschaften) und die Integrations- bzw. Inklusionsämter Unternehmen, die ein Betriebliches Eingliederungsmanagement einführen, durch Prämien oder einen Bonus fördern. Das Unternehmen erhielt deshalb für die Einführung eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements vom zuständigen Integrations- bzw. Inklusionsamt eine Prämie von 10.000 Euro.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nr. der Integrations- bzw. Inklusionsämter, der Deutschen Rentenversicherung und der Berufsgenossenschaften.

Bemerkung:
Das aufgeführte Beispiel wurde von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) mit einem Reha-Preis zur Einführung bzw. zum Einsatz eines betrieblichen Eingliederungsmanagements ausgezeichnet.

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • IMBA - Arbeitszeit

Referenznummer:

R/PB5326


Informationsstand: 06.10.2005