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Praxisbeispiel
Betriebliches Eingliederungsmanagement bei der Stadtverwaltung Düsseldorf

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1 Unternehmen

1.1 Profil

Die Stadtverwaltung Düsseldorf gehört zu den größten Arbeitgebern im Raum Düsseldorf. Als kommunales Dienstleistungsunternehmen bietet sie ein breit gefächertes Angebot an Dienstleistungen für die Bürger der Landeshauptstadt. Die Leistungsangebote umfassen alle Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge, von der Schul- und Kulturverwaltung über die Sozial- und Gesundheitsverwaltung bis zur Bau-, Sicherheits- und Ordnungsverwaltung. Entsprechend umfangreich ist die Zahl der Beschäftigten mit gegenwärtig ca. 9.000 Mitarbeitern.

1.2 Unternehmenskultur

Um Dienstleistungen in diesem Umfang anbieten zu können, bedarf es qualifizierter und leistungsfähiger Mitarbeiter. Zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit ist es ein hohes Ziel der Verwaltung, die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen, zu erhalten oder gegebenenfalls schnellstmöglich wieder herzustellen. Da die Beschäftigten einen großen Teil des Tages an ihrem Arbeitsplatz verbringen, ist es nahe liegend, Fragen der Gesundheit nicht allein privater Initiative zu überlassen. Gesundheitsfürsorge ist deshalb ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur der Stadtverwaltung Düsseldorf. Dieser Ansatz spiegelt sich wider im betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) der Stadt. Es umfasst unter anderem Präventionsmaßnahmen und Schulungsangebote, Unfallverhütung, aber auch Sucht-, Konflikt- und Ernährungsberatung. So wird beispielsweise die Teilnahme an Bewegungs- und Entspannungsangeboten oder an Kursen zum Stressmanagement, zum Umgang mit Migräne, zu Wirbelsäulenproblemen, zu Essstörungen oder zur Raucherentwöhnung gefördert.

2 Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)

2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen

Die rechtliche Grundlage des BEM bildet das SGB IX § 167.

2.2 Aufgaben und Ziele

Das BEM soll in erster Linie dazu dienen das Arbeitsverhältnis des Erkrankten zu erhalten und zu sichern, also die Arbeitsunfähigkeit zu überwinden. Weiterhin sollen die sozialen Kontakte des Erkrankten zum Arbeitsumfeld während der Krankheit aufrecht erhalten werden. Darüber hinaus sollen die Ursachen der Arbeitsunfähigkeit im Allgemeinen gemeinsam mit den Beschäftigten analysiert werden und daraus Möglichkeiten abgeleitet werden, zukünftige Arbeitsunfähigkeit zu vermeiden oder zu verringern. Anhand dessen lassen sich Rehabilitationsbedarfe der Beschäftigten frühzeitig erkennen und entsprechende Maßnahmen rechtzeitig einleiten.
Das BEM findet Eingang in das gesamtstädtische betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und soll zusammen mit den dort gesammelten Erkenntnissen zur Entwicklung eines Frühwarnsystems genutzt werden.

2.3 Beteiligte

2.3.1 Interne Parteien

Intern am BEM sind, aufgrund ihrer jeweiligen fachlichen Zuständigkeit, folgende Personen beteiligt:
- die betroffenen Beschäftigten (ihre Mitarbeit ist freiwillig und nur mit ihrer Einwilligung kann das BEM eingeleitet werden/sie können in jeder Phase des BEM eine Person ihres Vertrauens hinzuziehen),
- der Arbeitgeber durch seinen Inklusionsbeauftragten,
- der Personalrat und
- bei Menschen mit Schwerbehinderung oder Gleichstellung die Schwerbehindertenvertretung.

Sonstige intern Beteiligte:
- Vorgesetzte (gesetzlich zu einem BEM-Angebot verpflichtet, nehmen sie eine verantwortliche Rolle ein/bei Maßnahmen, die ihrer Beteiligung und Unterstützung bedürfen, werden sie mit einbezogen)
- Betriebsarzt (BAD)/medizinische Gutachter
- Sozialberatung (Konfliktberatung)
- Fachkräfte für Arbeitssicherheit (FASI)
- Gleichstellungsbeauftragte

2.3.2 Externe Stellen

Je nach Bedarf können in das BEM folgende externe Stellen eingeschaltet werden:
- Unfallversicherungsträger (Unfallkasse Nordrhein-Westfalen),
- die Krankenkasse,
- die Rentenversicherung,
- die Agentur für Arbeit und
- das Integrationsamt.

2.4 Instrumente

Die Durchführung und Umsetzung des BEM kann mit verschiedenen Instrumenten erfolgen. Hierzu sind zu nennen das individuelle Gespräch, sowie Instrumente, die sich an den betrieblichen Verhältnissen orientieren oder solche, die sich am individuellen Verhalten der Beschäftigten orientieren.

Handlungsempfehlungen
In dem individuellen Gespräch können die betroffenen Beschäftigten mit dem Arbeitgeber ihre persönliche Situation erörtern. Sie haben auch die Möglichkeit, im Vorfeld dieses Gesprächs mit einer Person ihres Vertrauens zu sprechen.

Die Instrumente, die sich an den betrieblichen Verhältnissen orientieren, erfassen die organisationsbezogenen Strukturen der Stadtverwaltung. Dazu gehören u. a.:
- die Gefährdungsbeurteilung,
- die Krankenstatistik und
- die Analyse der Arbeitsunfälle.

Die Instrumente, die sich am individuellen Verhalten der Beschäftigten orientieren, ermöglichen die individuelle Erfassung des physischen und psychischen Gesundheitszustandes der Beschäftigten. Dazu gehören u. a.:
- die Befragung der Beschäftigten,
- die Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen,
- die arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Beratung und
- die Gesundheitszirkel.
Die Anwendung solcher Instrumente ist die Voraussetzung für die Entwicklung weiterführender Maßnahmen.

2.5 Aufgaben und Maßnahmen

2.5.1 Erstkontakt und Erstgespräch

Durch ein Anschreiben des Hauptamtes (siehe Anlage 1) wird der Erstkontakt zu länger bzw. wiederholt erkrankten Beschäftigten hergestellt. Bestandteil des Schreibens ist auch ein Informationsblatt zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen des BEM und eine Auflistung der Ansprechpartner im Personalrat. Weiterhin erhält der Betroffene die Einverständniserklärung für das BEM, die im Falle der Zustimmung unterschrieben wird. Sie dient gleichzeitig als Datenschutzerklärung (siehe Anlage 2).

Ziel des Erstkontaktes
Den von BEM betroffenen Beschäftigten wird die Aufmerksamkeit des Arbeitgebers signalisiert, die helfen soll, Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen, um die Bereitschaft und Einsicht für die Durchführung eines Erstgespräches zu erzielen. Dieses ist deshalb von so großer Bedeutung, weil die Frage, ob ein BEM überhaupt und mit welchem Erfolg durchgeführt werden kann, entscheidend von der Zustimmung und Kooperationsbereitschaft der betroffenen Beschäftigten abhängt.

Ziele des Erstgespräches sind u. a.:
- Vertrauen der bzw. des Betroffenen in die Bedeutung und Ziele des BEM herstellen und/oder verbessern
- über das Anliegen des BEM informieren
- Informationen über die persönliche Situation erhalten und ggf. Zusammenhänge mit den Arbeitsbedingungen erkennen
- Lösungsansätze mit der bzw. dem Betroffenen entwickeln und die betrieblichen Möglichkeiten einbringen
- weitere Schritte planen

Für den Fall, dass ein Zusammenhang zwischen der Arbeitsunfähigkeit und der Tätigkeit besteht, wird den betroffenen Beschäftigten erläutert, warum der Arbeitgeber eine Handlungsnotwendigkeit in Bezug auf die Arbeitsunfähigkeit sieht. Die Gespräche werden standardmäßig durch das Hauptamt dokumentiert.

2.5.2 Stufenweise Wiedereingliederung am bisherigen Arbeitsplatz

Eine wesentliche Maßnahme ist die stufenweise Wiedereingliederung am bisherigen Arbeitsplatz. Diese dient der Arbeitserprobung und soll die Beschäftigten nach einer langen Erkrankung schrittweise an die vollen Arbeitsbelastungen ihrer Arbeitsplätze wieder heranführen.

Handlungsempfehlungen:
Die stufenweise Wiedereingliederung dient der Arbeitserprobung und soll Beschäftigte nach einer langen Erkrankung in die Lage versetzen, sich wieder an den Arbeitsalltag zu gewöhnen. Überlastungen sollen in dieser Zeit vermieden werden. Für die Zeit der Wiedereingliederung besteht weiterhin Arbeitsunfähigkeit. Über die im Einzelfall zu beachtenden Besonderheiten, die die zuständigen Stellen/ Experten den Betroffenen mitteilen, werden die Fachbereiche informiert.

2.5.3 Weitere Maßnahmen

Nachdem im Einzelfall alle verfügbaren und notwendigen Informationen als Planungsgrundlage zusammengetragen worden sind, vereinbaren Arbeitgeber und Beschäftigte einen verbindlichen Plan geeigneter Maßnahmen (wer macht was bis wann?).

Dabei kommen in Betracht:

1. Maßnahmen, die sich auf den jeweiligen Arbeitsplatz beziehen
- ergonomische Arbeitsplatzgestaltung (z. B. Arbeitsmittel und Arbeitsumgebung)
Handlungsempfehlungen:
Hierzu gehören z. B. Arbeitsplatzhilfen, die das Arbeiten unterstützen und ermöglichen (wie ergonomisches Mobiliar und den individuellen Erfordernissen angepasste PC Ausstattungen)

- Verbesserung der Aufbau- und Ablauforganisation (Organisationsentwicklung)
Handlungsempfehlungen:
Hierzu gehören z. B. Veränderungen der Arbeitsabläufe, gegebenenfalls des Arbeitsumfangs durch ( vorübergehende) Reduzierung der Fallzahl

- Veränderung der Arbeitsinhalte

Die weiteren Maßnahmen richten sich nach anderen verfügbaren Arbeitsplätzen aus; gegebenenfalls mit erfolgreicher Qualifizierung (Arbeitsplatzwechsel)
Handlungsempfehlungen:
Zum Beispiel der Einsatz mit veränderten Aufgaben, gegebenenfalls auf einer anderen Stelle, falls erforderlich auch nach einer Qualifizierung, Fortbildung oder Umschulung

2. Flankierende Maßnahmen
- Vermittlung sozialer, fachlicher und methodischer Kompetenzen (Personalentwicklung)
- allgemeines Fitness- und Muskeltraining
- ganzheitliche Rückenschulprogramme
- Ernährungs- und Suchtberatung
Handlungsempfehlungen:
Zum Beispiel das Erlernen ergonomischer Arbeitstechniken, zielführende individuelle Qualifizierungsmaßnahmen oder Unterstützung bei der Stellung von Anträgen z. B. bei der örtlichen Fürsorgestelle, beim Integrationsamt, bei den Agenturen für Arbeit oder der Deutschen Rentenversicherung.

3 Anlagen

Anlage 1

Betriebliche Wiedereingliederung

Sehr geehrter Herr Mustermann,

da Sie länger/wiederholt erkrankt sind, wünsche ich Ihnen auf diesem Wege alles Gute und eine baldige Genesung.

Die Stadtverwaltung möchte erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ihrer Genesung und Gesunderhaltung unterstützen und geeignete Hilfen anbieten. Mögliche Hilfen möchte ich Ihnen gerne in einem persönlichen Beratungs- und Informationsgespräch zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement aufzeigen. Denkbar sind z. B. Maßnahmen zur so genannten "stufenweisen Wiedereingliederung", konkrete Unterstützung an Ihrem Arbeitsplatz oder auch bei Stellung von Anträgen an Rehabilitationsträger (Eingliederung nach § 167 Abs. 2 SGB IX). Den Gesetzestext finden Sie auf der Rückseite dieses Schreibens.

Die Annahme dieses Gesprächsangebots ist selbstverständlich freiwillig. Sollten sich für Sie im Vorfeld noch Fragen ergeben, können Sie diese auch mit:
- dem zuständigen Personalratsmitglied
- der Vertrauensperson für schwerbehinderte Menschen
- dem Betriebsärztlichen Dienst oder
- der Konfliktberatung
besprechen und aus diesem Kreis eine Person Ihres Vertrauens zu dem o.a. Beratungs- und Informationsgespräch hinzuziehen. Eine namentliche Aufstellung der Kontaktpersonen finden Sie ebenfalls auf der Rückseite dieses Schreibens. Bitte nehmen Sie das Gesprächsangebot in Ihrem eigenen Interesse an, damit möglichst eine baldige, erfolgreiche und dauerhafte Rückkehr an den Arbeitsplatz erreicht wird. Teilen Sie mir bitte mit, ob Sie das angebotene unverbindliche Beratungs- und Informationsgespräch zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement wünschen. Benutzen Sie bitte hierfür das beigefügte Antwortschreiben.

Auch für den Fall, dass Ihrerseits kein Interesse bestehen sollte, bitte ich Sie, das Antwortschreiben zurückzusenden und dies darin zu vermerken. Das Verfahren nach § 167 Abs. 2 SGB IX ist dann beendet.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag N.N.


Anlage 1 (Rückseite)
- SGB IX § 167 Abs. 2
- eine Liste mit zuständigen Ansprechpartnerinnen bzw. Ansprechpartnern (Personalrat, Gesamtvertrauensperson für schwerbehinderte Menschen, Betriebsärztlicher Dienst und Konfliktberatung)

Anlage 2

Die Dienststelle vertreten durch die o.a. BEM-Beauftragte/den o.a. BEM-Beauftragten des Arbeitgebers und die o.a. Mitarbeiterin/der o.a. Mitarbeiter schließen folgende Vereinbarung über die Mitwirkung am BEM:

Ich bin über die Ziele des BEM informiert worden und willige ein, dass im Rahmen des BEM anfallende Informationen durch das Hauptamt dokumentiert werden.
Außerdem bin ich über Folgendes informiert worden:
- Ich kann in alle Dokumente, die meine Person betreffen, Einsicht nehmen.
- Die am BEM Beteiligten sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
- Soweit dritte Personen oder Stellen außerhalb der Stadtverwaltung (z. B. RV-Träger, Integrationsamt), beteiligt werden, erfolgt dies nur nach meiner vorherigen Zustimmung; diese wird dokumentiert.
- Ich kann meine Zustimmung zur Durchführung von BEM für die Zukunft jederzeit widerrufen.
- Im Rahmen des BEM beim Hauptamt erhobene Daten werden nicht in der Personalakte, sondern in einer separaten Akte geführt.
- Die zu meiner Person im Rahmen des BEM erhobenen Daten und die dazu angelegte separate Akte wird zwei Jahre nach Abschluss des Jahres, in dem das Verfahren abgeschlossen worden ist, vernichtet.

Hinweis:

In der Personalakte selbst werden nur folgende Tatsachen vermerkt:
- das Angebot über die Einleitung von BEM
- meine Entscheidung über das Angebot
- mir konkret angebotene Maßnahmen und meine Entscheidung hierzu (nur soweit hierdurch die arbeitsvertraglich/dienstlich geschuldete Tätigkeit verändert wird)

Ort, Datum Mitarbeiter

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Ort, Datum für den Betrieb

__________________________

Schlagworte und weitere Informationen

Nach dem SGB IX § 167 Abs. 3 können die Rehabilitationsträger (z. B. Rentenversicherungsträger und Berufsgenossenschaften) und die Integrations- bzw. Inklusionsämter Unternehmen, die ein Betriebliches Eingliederungsmanagement einführen, durch Prämien oder einen Bonus fördern.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nr. der Integrations- bzw. Inklusionsämter, der Deutschen Rentenversicherung und der Berufsgenossenschaften.

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • IMBA - Arbeitszeit

Referenznummer:

R/PB5419


Informationsstand: 06.03.2007