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Praxisbeispiel
Pfarrerin mit Cochlea Implantat in einer Kirchengemeinde

Wo lag die Herausforderung?

Die Frau ertaubte zu Beginn ihres Theologie-Studiums. Die Möglichkeit, den wesentlich auf lautsprachlicher Kommunikation basierenden beruflichen Alltag einer Pfarrerin zu bewältigen, schien damit fraglich.

Was wurde gemacht?

Die Versorgung mit Cochlea Implantaten, ermöglicht ihr wieder das Verstehen von Lautsprache - auch beim Telefonieren. Sie konnte somit erfolgreich ihre Ausbildung zur Pfarrerin abschließen. Im Arbeitsalltag nutzt sie außerdem ergänzend Hilfsmittel, z. B. eine FM-Anlage zur Kommunikation in Gruppen, ein Gerät zur optischen Anzeige (z. B. eines Telefonanrufes) und zum Arbeitsschutz spezielle Rauchmelder, die im Brandfall ein Signal an Blitzlampen zur optischen Anzeige senden. Außerdem nutzt sie einen Vibrationswecker,, damit sie morgens pünktlich ihren Dienst antreten kann.

Schlagworte und weitere Informationen

Die Versorgung mit Cochlea Implantaten und die Anlage zur Signalumwandlung wurden von der Krankenkasse noch während des Studiums getragen. Die FM-Anlage wurde vom Integrationsamt zu 90 Prozent gefördert, da sie auch gelegentlich privat genutzt wird. Die Kosten für die Hilfsmittel zum Arbeitsschutz wurden vom Arbeitgeber übernommen. Einige Hilfsmittel, die von der Pfarrerin auch privat genutzt werden können (z. B. der Wecker), hat sie sich selbst angeschafft.
Eine technische Beratung war nicht erforderlich, da die Pfarrerin gut über Hilfsmittel informiert ist und sie es vorzieht sich bei zusätzlichem Bedarf selbst zu informieren.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nummern der Integrations- bzw. Inklusionsämter.

Arbeitgeber:

Der Arbeitgeber ist eine Kirchengemeinde.

Behinderung und Funktionseinschränkung der Mitarbeiterin:

Die Frau hatte von Geburt an eine Hörbehinderung und ertaubte während ihres Theologie-Studiums. Sie wurde während des Studiums im Krankenhaus mit Cochlea Implantaten (CIs) versorgt. Nach der Operation bzw. Versorgung mit den CIs musste die Frau erst wieder lernen Geräusche und Sprache mit deren Hilfe zu verstehen. Nach anfänglichen Anpassungen der Geräte in stationärer und teilstationärer Behandlung, erfolgen diese nun seltener und ambulant. Ihr Hörvermögen mit den CIs beträgt 90 - 100 Prozent.
Der Grad der Behinderung (GdB) beträgt 90. Der Schwerbehindertenausweis enthält die Merkzeichen GL und RF.

Ausbildung und Beruf:

Die Frau begann nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin, welche sie abbrach, um das Abitur nachzuholen. Neben den studienrelevanten Inhalten, erlernte sie parallel die deutsche Gebärdensprache bei der evangelischen gebärdensprachlichen Gemeinde. Nach Anfrage erhielt sie während des Studiums die Vorlesungsinhalte schriftlich per E-Mail. Nach Abschluss des ersten sowie zweiten theologischen Examens und einem dazwischen absolvierten Vikariat, wurde sie schließlich Pfarrerin in ihrer aktuellen Kirchengemeinde. Im praktischen Teil der Ausbildung und auf dem Weg zur Anstellung wurde sie von einem Pfarrer, der viele Jahre in der Seelsorge für gehörlose Menschen aktiv war, unterstützt.

Arbeitsplatz und Arbeitsumgebung:

Die Frau hat als Pfarrerin ein breites Aufgabenspektrum und Residenzpflicht (Wohnen am Dienstort und im Pfarrhaus) mit einer hohen Erreichbarkeit für ihre Gemeinde. Zu ihren Aufhaben gehören:
- die Verwaltung und Geschäftsführung der Gemeinde mit Vorsitz im örtlichen Kirchenvorstand und der Teilnahme an Pfarrkonferenzen,
- die Organisation und Leitung der Sonn-, Feiertags- und Sondergottesdienste,
- das Unterrichten von Schülerinnen bzw. Schülern und Konfirmandinnen bzw. Konfirmanden,
- die Leitung von Gemeindegruppen und Angeboten wie Bibelkreisen,
- das Ausführen sogenannter Kasualien (Taufen, Beerdigungen, Trauungen) und
- die Seelsorge in allen Lebenslagen - auch im Stadtkrankenhaus.
Bei all diesen Aufgaben ist die Kommunikation und die Verständigung über die Lautsprache von wesentlicher Bedeutung. Hierzu gehören Gespräche zu zweit, aber auch in großen Gruppen. Neben ihren Cochlea Implantaten nutzt sie hierbei weitere Hilfsmittel, wie eine FM-Anlage - bestehend aus Richtmikrofon, Sender und Empfänger. Die drahtlosen Richtmikrofone mit Zoomfunktion können bei Gruppengesprächen z. B. auf den Tisch gelegt werden. Die Mikrofone richten sich dabei nach dem ankommenden Sprachsignal aus und können so aus unterschiedlichen Richtungen Sprachsignale aufnehmen und zoomen. Über den Sender im Mikrofon wird dann das Gesprochene erfasst und die Sprache ohne Nebengeräusche an die Empfänger übertragen, welche an die Soundprozessoren der CIs gesteckt werden.
Zum Telefonieren nutzt die Pfarrerin ein bluetoothfähiges Smartphone in Verbindung mit einem kleinen ebenfalls bluetoothfähigen Zusatzgerät, das über einen Clip auch an der Kleidung befestigt werden kann. Telefongespräche können per Tastendruck am Zusatzgerät angenommen werden. Das Gesprochene der Anruferin oder des Anrufers vom wird vom Smartphone über das Zusatzgerät durch Signalumwandlung direkt an die CIs bzw. deren Soundprozessoren übertragen. Das Zusatzgerät verfügt außerdem noch über ein Mikrofon, so dass es zum Telefonieren als Freisprecheinrichtung eingesetzt werden kann. Das Smartphone kann dabei beispielsweise in der Tasche bleiben. Alternativ kann sie auch Telefone nutzen, deren Hörer groß genug sind, um den Lautsprecher an den Soundprozessor des CIs halten und gleichzeitig bequem in das Mikrofon sprechen zu können. Optische Signalgeber zeigen das Klingeln der Telefon- und Türklingel über Lichtsignale an. Außerdem benutzt die Pfarrerin noch einen Vibrationswecker, damit sie morgens pünktlich ihren Dienst antreten kann.

Einen kurzen Film zum Praxisbeispiel können Sie unten über den Link: "Video bei YouTube - Kirche in Bayern: erste gehörlose Pfarrerin Bayerns" aufrufen.

Arbeitsschutz:

Im Pfarrhaus sind spezielle Rauchmelder installiert, die im Brandfall bei entsprechender Rauchentwicklung ein Signal an Blitzlampen zur optischen Anzeige senden.

Kommentar der Mitarbeiterin:

„Ich lebe nach dem Motto: Einfach machen und fahre gut damit. Inklusion bedeutet für mich, dass ich die Menschen aufkläre, was ich brauche und wie das funktioniert und Unsicherheiten abbaue. Im Gegenzug kann ich mich ganz normal fühlen und das ist gut so. Probleme gibt es bislang nicht. Weil ich und mein Mann (normalhörend) Gebärdensprache sprechen, kann ich mich daheim immer gut entspannen und einfach mal nicht hören. Das unterstützt mich sehr und ich fühle mich auch ohne Technik vollständig.“

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte:

ICF-Items

Assessments - Verfahren und Merkmale zur Analyse und Bewertung

  • ERGOS - Hören
  • IMBA - Arbeitssicherheit
  • IMBA - Arbeitszeit
  • IMBA - Hören
  • IMBA - Vibration/Erschütterungen

Referenznummer:

PB/111039


Informationsstand: 22.05.2019