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Angaben zum Praxisbeispiel

Auszubildende zur Theaterassistenz - Konzept zur Qualifizierung und beruflichen Teilhabe einer Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung über das Persönliche Budget

Konzept für die Umsetzung des Persönlichen Budgets für eine Jugendliche mit einer geistigen Behinderung zur individuellen betrieblichen Qualifizierung (Unterstützte Beschäftigung) nach § 55 SGB IX

1 Darstellung der Ausgangslage und des Handlungsbedarfes

Die Jugendliche besuchte zunächst eine Außenklasse einer Förderschule für geistig behinderte Menschen und anschließend eine Integrative Schule. Nach der Schule besuchte sie für drei Jahre eine Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE). Während dieser Zeit absolvierte sie folgende Praktika:
- in einer Bibliothek (ein halbes Jahr jeden Donnerstag am Vormittag),
- in einer Fachschule für Erzieher (Pforte, Büroarbeiten, Hauswirtschaft, vier Monate an drei Tagen der Woche)
- in einem Café (zehn Monate an drei Tagen der Woche),
- im Werkraum der BVE (zehn Monate an einem Tag pro Woche).

Die Jugendliche verfügt zusätzlich über eine Qualifikation für Moderation "Bürgerzentrierter Planungsprozesse in Unterstützerkreisen", belegt durch ein Zertifikat einer Universität.

Die Jugendliche möchte ihr Leben so strukturieren, dass es ihr nach einer Zeit von voraussichtlich 24 Monaten zur beruflichen Qualifizierung möglich sein wird inklusiv, mit guter, sinnvoller Beschäftigungs- und Freizeitgestaltung inmitten der Gesellschaft selbstbestimmt und möglichst selbstständig zu leben. Sie wünscht sich, dass sich ihr Leben auch weiterhin inmitten der Gesellschaft abspielt und beantragt daher das Persönliche Budget.

Nach dem Gespräch mit der Reha-Beraterin der Agentur für Arbeit, erfüllt die Jugendliche die Voraussetzungen für das Persönliche Budget, welches für die Jugendliche in Form von Unterstützter Beschäftigung eingesetzt werden soll.

Gesetzlicher Bezug:
- Nutzung des Persönlichen Budgets (SGB IX § 29)
- Handlungsempfehlung der BAR (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation)
- Handlungsempfehlung der Bundesagentur für Arbeit
- Handlungsempfehlung/Geschäftsanweisung der Bundesagentur für Arbeit

2 Die individuellen Förder -und Leistungsziele

Langfristiges Qualifizierungsziel ist die Vermittlung der Jugendlichen in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis in einem Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es entsprechend den Inhalten der unterschiedlichen Phasen (siehe Punkt 3) die Feststellung des individuellen Förderbedarfs, die Einarbeitung und Qualifizierung am betrieblichen Praktikumsplatz und letztlich die Festigung im betrieblichen Alltag zur Realisierung einer dauerhaften Beschäftigung.

Bezogen auf die Budgetnehmerin sind die konkreten Ziele:
- berufliche Orientierung
- Mobilität und Verselbstständigung im öffentlichen Nahverkehr
- Erwerb und Vertiefung bereichsspezifischer Kenntnisse und Fertigkeiten in den Praktikumsbetrieben
- vertiefende Qualifizierung im Betrieb unter individueller Anleitung (job coaching)
- Arbeiten nach Vorgaben zur Erhöhung der Selbstständigkeit
- adäquater Umgang mit Materialien und Handwerkszeug (Funktion, Anwendung, Lagerung, Reinigung)
- Erweiterung der Flexibilität bei unerwarteten Arbeiten oder Arbeitsabläufen
- Selbstorganisation von Hilfe und Unterstützung am Arbeitsplatz
- Selbstständiges Erledigen von Arbeitsaufträgen / Verbesserung ihrer Selbständigkeit
- Beherrschen der Verhaltensregeln am Arbeitsplatz
- Einhalten von Absprachen
- adäquater Umgang mit Konflikten am Arbeitsplatz
- Stärkung des Selbstbewusstseins für die Aufnahme eines regulären Arbeitsverhältnisses
- Stärkung einer realistischen Selbsteinschätzung
- Grundlagenvermittlung der Fachtheorie und berufsübergreifende Kenntnisse
- weitere Förderung, Festigung und Erhaltung ihrer kognitiven Fähigkeiten, wie Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten
- Förderung ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten (Sprechen in grammatikalisch richtigen und vollständigen Hauptsätzen), Erweiterung ihres Wortschatzes
- Förderung der gesamten Persönlichkeitsentwicklung (Erarbeitung von Konfliktbereitschaft und Lösungsstrategien, Unterstützung bei Äußerungen von Meinungen und Formulierung ihrer Ziele, Wünsche und Absichten, bessere Versprachlichung der eigenen Gefühle und Gedanken, Unterstützung im Verselbstständigungsprozess)

3 Leistungsangebote

(welche im Rahmen der Unterstützen Beschäftigung (InBeQ), die für die Nutzung eines Persönlichen Budgets in Frage kommen sind)

1. die Einstiegsphase
2. die Qualifizierungsphase
3. die Stabilisierungsphase

Es wird nach den Prinzipien der Unterstützten Beschäftigung gearbeitet, bei denen die Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten und Kompetenzen des zu fördernden jungen Menschen im Mittelpunkt des Handelns stehen. Im Mittelpunkt des gesamten Prozesses steht daher stets die Erfassung und Realisierung der Wünsche des Budgetnehmers (im Sinne von Kundenwünschen).

- Umsetzung des unten dargelegten Förderkonzepts
- Unterstützung im Betrieb gemäß der Methodik der Unterstützten Beschäftigung
- Steuerung des gesamten Prozesses der betrieblichen Eingliederung und Kooperation mit den betrieblichen Akteuren
- fachtheoretischer und allgemeinbildender Unterricht mit den unten dargelegten Zielen
- Vernetzung der arbeitspraktischen mit den schulischen Inhalten
- Unterstützung bei ihrer weiteren Persönlichkeitsentwicklung

4 Individueller Einarbeitungs- und Qualifizierungsplan

Das Teilhabekonzept für die Jugendliche könnte wie folgt umgesetzt werden:

1. Phase - Einstiegsphase

Inhalte und Ziele:

Ermittlung der aktuellen Fähigkeiten und Kompetenzen und Feststellung des Unterstützungsbedarfs:

- Einschätzung durch Beobachtung von Arbeitsaufträgen, Tätigkeiten und ihres Verhaltens in den einzelnen Thementagen
- Selbsteinschätzung (Stärken/Schwächen) mit unterschiedlichen Methoden und Materialien
- Fremdeinschätzung (Verarbeitung der Ergebnisse der Einschätzung)
Ziel: Erstellung eines aktuellen Fähigkeitsprofils als Anforderungsprofil für einen Praktikumsplatz

Erste Berufliche Orientierung:
- Vorstellung einzelner Arbeitsbereiche und Tätigkeiten, die aufgrund ihrer Behinderung in Frage kommen könnten
- Vermittlung erster Einblicke in die Berufswelt
- Reflexion durch Führung eines Berichtsheftes
- Unterricht, Verhalten am Arbeitsplatz, etc.
- Durchführung von Berufswahltests, ggf. Durchführung von Berufsplanungskonferenzen
Ziel: Abklärung geeigneter Tätigkeitsbereiche und betrieblicher Rahmenbedingungen, Abklärung ihres weiteren Unterstützungsbedarfs.

2. Phase - Qualifizierungsphase

Inhalte und Ziele:
Vertiefte berufliche Orientierung und Entscheidungsfindung:
- kritische Abklärung der beruflichen Orientierung
- berufliche (Neu-)Orientierung kann immer wieder notwendig sein, wenn Praktika scheitern
Ziel: Absicherung der Bildungs- und Eingliederungsplanung

Betriebliche Qualifizierung an verschiedenen Praktikumsplätzen, vermittelt werden - entsprechend den oben dargelegten Förderzielen:
- Grundkenntnisse im ausgewählten Berufsbereich
- notwendige fachliche Kenntnisse, entsprechend den Anforderungen im jeweiligen betrieblichen Praktikum
- im Betrieb notwendige Arbeitsschritte und Tätigkeiten
- Kenntnisse des Arbeitsmaterials und der Werkzeuge, sowie der richtige Umgang mit ihnen
- erste Fachtheorie / Fachkompetenz
- Grundlagen zum selbständigen Arbeiten mit Wochen- oder Tagesplan
- Schlüsselqualifikationen: Umgang und Verhalten am Arbeitsplatz
- Methoden- und Sozialkompetenz
- Kompetenzen zur selbständigen Lebensführung
Ziele:
- Entwicklung eines individuellen Fähigkeits- und Interessenprofils
- Herausbildung von persönlichen und beruflichen Kompetenzen
- Verbesserung der beruflichen Leistungsfähigkeit, evtl. Herstellung der Erwerbsfähigkeit (kann sich erst im Laufe der Qualifizierung verifizieren)
- Hinführung zu einer Betriebs- bzw. Berufsreife
- Festigung der sozialen Integration im Betrieb
- Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis
- Weiterentwicklung der gesamten Persönlichkeit

3. Phase - Stabilisierungsphase

Inhalte und Ziele:

Vorbereitung auf eine konkrete Tätigkeit in einem Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Förderzielen und den Anforderungen des jeweiligen Arbeitsplatzes. Der Praktikumsplatz wird in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis übergeleitet.
Ziele:
- Festigung der sozialen Integration im Betrieb
- Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis
- Sicherung des weiteren Unterstützungsbedarfs unter Hinzuziehung der zuständigen sozialen Dienste (z. B. Integrationsfachdienst)

Unabdingbare Voraussetzung für eine gelingende berufliche Eingliederung der Jugendlichen (Arbeitsverhältnis) ist ein passendes betriebliches Umfeld. Der dazu erforderliche Betrieb mit einem kleinen Team und einem betrieblichen Ansprechpartner (Paten), der sich für die Jugendliche verantwortlich fühlt, muss gefunden werden.
Im Praktikumsbetrieb müssen überschaubare Tätigkeitsbereiche und strukturierte, einfache Arbeitsabläufe für die Jugendliche geschaffen werden. In den oben genannten Phasen wird es darum gehen, die fachliche Qualifizierung zu festigen und den Praktikumsplatz in einen Beschäftigungsplatz überzuleiten.

5 Personaleinsatz

Das Qualifizierungstraining der Jugendlichen wird eine Psychotherapeutin und Systemische Familienberaterin (Heilpraktiker für Psychotherapie) übernehmen. Sie begleitet bereits bei einem kirchlichen Träger Menschen mit physischen und psychischen Handicaps auf ihrem Weg in den ersten Arbeitsmarkt und verfügt somit über die nötigen Kompetenzen und Erfahrungen in diesem Bereich. Für die Begleitung der Jugendlichen werden pädagogische Fachkräfte mit mehrjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf eingesetzt.

6 Qualitätssicherung

Im Rahmen des persönlichen Budgets geht die Verantwortlichkeit der Qualitätssicherung vom Leistungsträger auf die Budgetnehmerin über. Der Verlauf und die Entwicklung der Jugendlichen werden daher regelmäßig evaluiert, dokumentiert und mit ihr selbst bzw. ihrer Mutter besprochen. Es werden zu jedem Zeitpunkt die aktuellen Fortschritte, die Persönlichkeitsentwicklung und der aktuelle Stand des Qualifizierungsverlaufs, sowie Neuorientierungen hinsichtlich der Tätigkeitsinteressen und speziellen Förderbedürfnisse in die Gesamtplanung einbezogen und wenn erforderlich entsprechende Änderungen vollzogen. Konkret wird der Fortschritt ihrer beruflichen Qualifizierung einmal im Jahr durch einen Beurteilungs- und Qualifizierungsplan festgehalten und der Jugendlichen ausgehändigt. Ein Zwischenbericht wird nach der ersten Phase, bzw. nach 6 Monaten erstellt. Eine Kopie wird der Reha-Beraterin der Agentur für Arbeit ausgehändigt.

7 Beginn und Ende der Unterstützung/Begleitung

Die Qualifizierung kann nach dem Verlassen der BVE beginnen und endet voraussichtlich nach 24 Monaten bzw. früher, wenn ein Arbeitsvertrag zu einem früheren Zeitpunkt zustande kommt.

8 Abschluss der Unterstützung/Begleitung

Ziel der Qualifizierung ist die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt (inkl. Inklusionsprojekte nach § 215 ff. SGB IX). Ausschlaggebend sind dabei zum einen die Wünsche, Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen, sowie ihr individuelles Leistungsvermögen und zum anderen die Einstellungsbereitschaft des Betriebes, evtl. verbunden mit den finanziellen Fördermöglichkeiten durch die Agentur für Arbeit und das Integrationsamt.
Bei einer erfolgreichen Vermittlung in ein reguläres Arbeitsverhältnis (z. B. im Bereich Kultur bzw. Theater) wird der Integrationsfachdienst (IFD) hinzugezogen werden, um eine nachhaltige Sicherung des Arbeitsverhältnisses zu ermöglichen.
Kann eine Vermittlung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auch mit den Fördermöglichkeiten der Agentur für Arbeit und des Integrationsamtes (Eingliederungszuschüsse, Arbeitsassistenz etc.) nicht erreicht werden, so ist - in Abstimmung mit den Akteuren - eine betriebliche Beschäftigung anzustreben, die den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes möglichst weitgehend entspricht (z. B. ein ausgelagerter Arbeitsplatz einer Werkstatt für behinderte Menschen).

Förderung:

Das Persönliche Budget für die berufliche Bildungsmaßnahme bzw. Qualifikation wurde von der Arbeitsagentur nach der Beantragung genehmigt und entsprechend gefördert. Die Jugendliche erhält außerdem der Bildungsmaßnahme von der Arbeitsagentur Ausbildungs- und Fahrgeld.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nummern der Arbeitsagenturen.



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Referenznummer:

Pb/110795



Informationsstand: 01.09.2014