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Angaben zum Praxisbeispiel

Ausbildung und Arbeitsgestaltung für eine Frau mit einer Erblindung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU)

Arbeitgeber:

Discovering hands ist eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft, die im Rahmen der Brustkrebsvorsorge Frauen mit Sehbehinderung zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) ausbildet und beschäftigt. Nach Erlangen der Qualifikation sind die Frauen bei discovering hands angestellt und arbeiten für gynäkologische Praxen in der Nähe ihres Wohnorts. Dort unterstützen sie die Gynäkologen bei Vorsorgeuntersuchungen.

Behinderung und Funktionseinschränkung der Mitarbeiterin:

Die Mitarbeiterin ist blind. Bedingt durch eine Rheumaerkrankung verlor sie über die Jahre hinweg schrittweise ihr Sehvermögen, bis sie im Alter von 35 Jahren erblindete. Deshalb müssen optische Informationen so umgewandelt werden, dass sie taktil mit den Fingern (z. B. Brailleschrift) oder akustisch wahrgenommen werden können. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 100. Der Schwerbehindertenausweis beinhaltet die Merkzeichen BL, H, G und RF.

Ausbildung und Beruf:

Da die Frau erst im Laufe ihres Lebens erblindete, besuchte sie zunächst ein übliches Gymnasium. Behinderungsbedingt wechselte sie in der elften Klasse zu einer Blindenstudienanstalt, um die gymnasiale Oberstufe weiterhin besuchen zu können. Während der Schulzeit verwendete sie außer einer Brille keine weiteren Hilfsmittel.
Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Datenverarbeitungskauffrau. Diese wurde ebenfalls an der Blindenstudienanstalt angeboten. Hier sammelte sie erste Erfahrungen mit kaufmännischen Tätigkeiten, wie dem Eingeben von Rechnungen oder der Prüfung von Kontoauszügen. Für diese Tätigkeiten verwendete sie zur Vergrößerung der schriftlichen Informationen in Papierformat ein Bildschirmlesegerät und eine Vergrößerungssoftware für den PC in Verbindung mit einem Großbildschirm.
Nach der Ausbildung fand sie über ihren damaligen Berufsschullehrer eine Anstellung in einem Reisebüro. An ihrem Arbeitsplatz im Reisebüro nutzte sie, da sie zu dieser Zeit noch über eine geringe Restsehkraft verfügte, eine neu angeschaffte Vergrößerungssoftware in Verbindung mit einem neuen Großbildschirm. Mit der Zeit verschlechterte sich ihr Sehvermögen. Trotz der eingesetzten Hilfsmittel erwies sich die Weiterbeschäftigung in ihrer Tätigkeit als schwierig. Nachdem sie zunächst auf einem Auge und später auch auf ihrem zweiten Auge das Sehvermögen verlor, sah das Reisebüro bzw. ihr damaliger Arbeitgeber keine Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung.
Nach der Erblindung absolvierte sie an der Deutschen Blindenstudienanstalt eine Blindentechnische Grundausbildung und erlernte dort unter anderem Braille-Schrift und den Umgang mit speziellen Computerhilfsmitteln. Es folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit, in der sie nach einer beruflichen Perspektive bzw. Umschulungsmöglichkeit suchte. Über das Internetangebot des Berufsförderungswerkes Düren fand sie schließlich diese Perspektive in Form einer Qualifizierung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU), die von discovering hands ins Leben gerufen wurde. Das Berufsförderungswerk Düren vermittelte sie darauf an discovering hands. Beim Qualifizierungsangebot zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) handelt es sich um eine neunmonatige Ausbildung für blinde und stark sehbehinderte Frauen, die ihren ausgeprägten Tastsinn für die medizinische Diagnostik in der Brustkrebsfrüherkennung nutzen. Die Qualifizierung beinhaltet ein 3-monatiges Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder Klinik. Im 6-monatigen theoretischen Teil der Ausbildung lernte die Frau u. a. die elektronische Befunddokumentation. Die eigentliche Qualifizierung fand im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Nürnberg statt. Nach erfolgreicher Bewerbung wurde sie zunächst in der gynäkologischen Praxis des Gründers von discovering hands angestellt. Nun ist sie direkt bei discovering hands angestellt und führt die Tastuntersuchungen an zwei Standorten der Praxis durch.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Die Tastuntersucherin arbeitet eigenständig in der gynäkologischen Praxis. Sie unterstützt den Arzt bei Terminen zur Brustkrebsfrüherkennung und übernimmt bis zu 8 Untersuchungen an einem Tag. Diese dauern jeweils zwischen 30 und 60 Minuten und werden von der Praxis organisiert.
Vor einer Untersuchung füllt sie mit ihren Patientinnen einen Anamnesebogen am PC aus. In diesem stellt sie den Hormonstatus der Patientin fest, erfragt ob es Vorbelastungen in der Familie gibt und ob Medikamente eingenommen werden. Für die EDV-technische Erstellung des Bogens verwendet sie eine Braillezeile mit einem Screenreader (spezielle Software). Die Braillezeile wandelt in Verbindung mit dem Screenreader die optischen Bildschirminhalte des Computers in Computerbraille bzw. Informationen um, die dann mit den Fingern gelesen oder in Sprache über Lautsprecher ausgegeben werden können. Die Eingabe der Daten erfolgt dabei über eine handelsübliche Tastatur.
Die standardisierte Untersuchung beginnt mit dem Abtasten der Lymphknoten am Hals, rund um das Schlüsselbein und unter den Achselhöhlen. Bevor sie mit dem Abtasten der Brust fortfährt, bringt sie fünf sogenannte Orientierungsstreifen auf den Körper der Patientin auf. Die Struktur auf den Streifen ermöglicht ihr durch Tasten die genaue Position auf dem Körper festzustellen. So wird sichergestellt, dass alle Bereiche der Brust untersucht werden und im Falle einer Gewebeveränderung die genaue Position bestimmt werden kann. Stellt sie eine Auffälligkeit fest, merkt sie sich die Stelle mit Hilfe des von den Doku-Streifen erzeugten Koordinatensystems und gibt diese im Anschluss an den Arzt weiter. Der Arzt kontrolliert nun diese Stelle und prüft gegebenenfalls mittels einer Ultraschalluntersuchung um was es sich bei der Auffälligkeit handelt. Die Diagnose darf nur der Arzt stellen, da dieser die Verantwortung über die Untersuchung trägt.

Arbeitsumgebung - Mobilität:

Die Medizinische Tastuntersucherin übernimmt an zwei verschiedenen Standorten einer gynäkologischen Praxis die Untersuchung zur Brustkrebsfrüherkennung. Für das Erreichen der Praxisstandorte hat sie ein Mobilitätstraining absolviert. Sie nutzt dabei öffentliche Verkehrsmittel und einen Langstock zur Orientierung. Es kann vorkommen, dass eine Medizinische Tastuntersucherin einer anderen Praxis vertreten werden muss. In diesem Fall nutz sie ein Taxi und bekommt die Kosten erstattet.

Kommentar der Mitarbeiterin:

Die Tastuntersucherin empfindet kein Mitleid für sich. Die Blindheit relativiere sich, weil man irgendwann seinen eigenen Weg findet. Die Angst auf dem Weg zur Erblindung habe sie ausgeschaltet. Wenn man einmal gesehen hätte, würde man es immer irgendwie vermissen. Aber die Behinderung habe ihr auch zu einem Job verholfen, bei dem sie Menschen helfen könne. Dass sie blind ist, sei für ihren Beruf also von Vorteil. Der Verlust der Sehkraft hätte ihre Wahrnehmung verändert und sie sei dadurch feinfühliger geworden, auch weil sie Brailleschrift gelernt hätte und viel mehr auf Berührungen angewiesen sei. Ihr würden Veränderungen auffallen, die andere nicht entdecken. Viele Patientinnen empfänden es als angenehm, dass die Untersuchung nicht so schnell gehen muss, und trauten sich auch Fragen zu stellen, die sie dem Arzt vielleicht nicht stellen würden.

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte aus der Gruppe:

ISO 12 39 03
Taststöcke oder weiße Langstöcke
ISO 22 39 05
taktile Computerdisplays (Braillezeilen)
ISO 22 39 12
spezielle Ausgabesoftware (Screenreader)

Förderung und Mitwirkung:

Die Beratung und Vermittlung der Ausbildungsstelle zur Medizinischen Tastuntersucherin erfolgte durch discovering hands. Die Ausbildung fand im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Nürnberg statt. Ausbildung und Hilfsmittel für die Tätigkeit im Reisebüro und als MTU wurden von der Arbeitsagentur gefördert. Der Arbeitgeber erhielt dabei einen Eingliederungs- bzw. Lohnkostenzuschuss von der Arbeitsagentur.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.- Nummern der Arbeitsagenturen.



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Informationen zum Projekt discovering hands



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Referenznummer:

PB/110984



Informationsstand: 11.01.2018