Inhalt

in Praxisbeispielen blättern

  • Beispiel

Angaben zum Praxisbeispiel

Von der Werkstatt für behinderte Menschen zur Anstellung als Mitarbeiter in einem Supermarkt für einen Mann mit einer Halbseitenlähmung

Arbeitgeber:

Der Arbeitgeber ist eine Filiale einer Supermarktkette, die einen Beschäftigten aus einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) fest als Mitarbeiter eingestellt hat.

Behinderung und Funktionseinschränkung des Mitarbeiters:

Der Mann hat aufgrund eines Schlaganfalls nach einer Operation wegen diagnostizierter Epilepsie, eine halbseitige Lähmung rechts. Die rechte Hand ist feinmotorisch stark eingeschränkt. Sie kann aber als Haltehand eingesetzt werden. Außerdem hat er starke kognitive Einschränkungen insbesondere in Bezug auf die Merkfähigkeit und eine Gesichtsfeldeinschränkung. Der GdB (Grad der Behinderung) beträgt 90.

Übergang Werkstatt für behinderte Menschen - allgemeiner Arbeitsmarkt:

Der Mann verließ die Schule ohne Abschluss. Da er anschließend behinderungsbedingt nicht beruflich am Arbeitsleben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt teilhaben konnte, wurde er von der Arbeitsagentur an die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) bzw. Boxdorfer Werkstatt, einer WfbM mit einem besonderen Angeboten für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung, vermittelt.
Zu Beginn nahm der Mann am Eingangsverfahren in der WfbM teil und im Anschluss daran erfolgte eine Qualifizierung im Berufsbildungsbereich, um später eine Tätigkeit im Arbeitsbereich der WfbM ausüben zu können. Im Arbeitsbereich war er dann acht Jahre lang im Bereich der Montage und Verpackung tätig, bis er als Kandidat für das Qualifizierungs-Projekt 'arbeit plus' der Boxdorfer Werkstatt aufgenommen wurde. Mit Hilfe des Projektes soll den Kandidaten durch eine Qualifizierung und Platzierung in Unternehmen mit Hilfe von Praktika und einer anschließenden Weiterqualifizierung der Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglicht werden.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nummern von weiteren Werkstätten für behinderte Menschen.

Qualifizierung
Der zentrale Ansatzpunkt im Rahmen von 'arbeit plus' sind Schulungen im Bereich der sozialen Kompetenzen. Beim Kandidaten lag der Schwerpunkt, neben der Verarbeitung seiner Einschränkungen nach dem Schlaganfall, bei der Definition des notwendigen Rahmens für die selbstständige und zuverlässige Arbeit. Die durch den Schlaganfall stark eingeschränkte rechte Hand hatte großen Einfluss auf sein 'nonverbales Erscheinungsbild'. Das Bewusstsein hierfür und die Kompensationsmöglichkeiten nahmen sehr viel Zeit in Anspruch und bedürfen noch heute der Erinnerung. Eine wichtige Lernerfahrung für den Kandidaten war das bewusste Formulieren von Fragen nach neuer Arbeit. Hierfür wurde folgendes Vorgehen erarbeitet: Überlegen was zu tun ist - Frageformulierung: "Ich würde nun (folgendes Tun), oder gibt es eine andere Aufgabe für mich?"Diese Formulierung zeigte den Kollegen und Vorgesetzten, dass der Mann in der Lage war einen Überblick über die Anforderungen zu gewinnen und "mitdachte". Es gab ihm aber auf der anderen Seite Sicherheit das Richtige zu tun.

Praktika:
1. Bei einer Klinik in Nürnberg. Vorrangige Aufgabe hierbei war die Tätigkeit in der Bettenzentrale. Das Betten abziehen und wieder neu zu beziehen war mit Über-Kopf-Arbeit verbunden. Auf Dauer konnte der Praktikant diese Tätigkeiten behinderungsbedingt nicht ausführen.

2. Da er von den Kollegen als sehr motiviert wahrgenommen wurde, schloss sich an dieses Praktikum ein Einsatz im Hol- und Bringdienst der Klinik an. Hier war seine Hauptaufgabe die Belieferung der Stationen mit Bestellungen aus dem Magazin, Betten aus der Bettenzentrale sowie die Auslieferung der Essenswagen und das Einsammeln des Geschirrs. Durch seine halbseitige Lähmung erlebte der Praktikant diese Aufgabe als sehr belastend. Problematisch war auch seine Gesichtsfeldeinschränkung beim Fahren bzw. Schieben der großen Wagen in den schmalen Gängen.

3. Im nächsten Praktikum bei einem großen Elektronikkonzern in Nürnberg war die Aufgabe des Praktikanten die Belieferung von Montageplätzen mit bestelltem Material. Er sammelte hierbei die Bestellzettel ein, scannte diese in das System, sortierte Ersatzteile ein und packte Paletten. Die Arbeiten erschienen sehr geeignet. Die Firma konnte ihn jedoch auf Grund der negativen Auftragsentwicklung keine Perspektive bieten.

4. Im folgenden Praktikum in einer Firma für Druckgusstechnologie war die Aufgabe des Praktikanten die Programmierung von Motorblock-Identifikation-Chips. Er erledigte diese Tätigkeit sehr zuverlässig und gründlich, allerdings fühlte er sich sehr bald unterfordert. Auch hier konnte ihm der Betrieb keine Perspektive aufzeigen, da geplant war, diese Programmierung zu automatisieren.

5. Im folgenden Praktikum bei einer Firma im medizintechnischen Bereich war die Aufgabe des Praktikanten im Bereich der Lagerlogistik angesiedelt. Er war für den Waren Ein- und Ausgang sowie für die Belieferung der Produktionsplätze zuständig. Dieses Praktikum gliederte sich in mehrere Phasen. Gegen Ende wurde auch der Versuch unternommen, ihn in der Produktion einzusetzen. Seine feinmotorischen Einschränkungen auf der rechten Seite kamen hierbei jedoch stark zum Tragen. Dennoch war eine Einstellung im Bereich Lagerlogistik vorgesehen. Die Personalabteilung konnte auf nicht absehbare Zeit keine verlässlichen Aussagen treffen, ob eine Stelle für ihn geschaffen werden kann. Daraufhin wurde entschieden das Praktikum zu unterbrechen und gegebenenfalls neu zu beginnen, wenn sich die Situation geklärt hat.

6. Im anschließenden Praktikum wurde der Praktikant im Verkauf eines Discounters eingesetzt. Die Tätigkeiten machten ihm großen Spaß. Die Mitarbeiter waren von seiner Motivation begeistert. Problematisch waren für ihn die wechselnden Arbeitszeiten und der ständige Druck durch die Kunden. Kaum hatte er an einer Stelle für Ordnung gesorgt, war schon wieder alles durcheinander. Das ständige Gehen und Stehen, sowie der Transport der schweren Paletten machten ihm körperlich zu schaffen. Er entschied deshalb, dass dies nicht der richtige Platz für ihn sei.

7. Aus den Erkenntnissen der vorhergegangenen Praktika wurde eine Stelle bei einem Supermarkt mit einem Vollsortiment gesucht. Von vornherein wurden regelmäßige Arbeits- und Pausenzeiten für den Praktikanten vereinbart. Er bekam Bereiche im Markt zugeordnet, für die er zuständig war. Es war immer ein fester Mitarbeiter für ihn als Ansprechpartner benannt. Das Praktikum wurde mehrfach verlängert und das Tätigkeitsfeld erweitert. Am Ende wurde er sogar an der Kasse eingesetzt.

Ergebnis der Praktika war das Angebot des Super-Marktleiters den Praktikanten unbefristet, bei tariflicher Bezahlung, anzustellen. Dabei gilt folgendes zu beachten:
- Um die Tätigkeit zu ermöglichen, muss eine Anleitung zur Arbeit durch feste Ansprechpartner erfolgen und Anweisungen müssen aufgrund der Lerneinschränkung wiederholt werden.
- Eine Begleitung bei der Durchführung von Tätigkeiten (ggf. Nachkontrolle) ist erforderlich.
- Bestimmte Tätigkeiten müssen von Kollegen unterstützt bzw. übernommen werden.
- Der Arbeitgeber muss einfache Rückfragemöglichkeit anbieten.
- Teilweise ist eine Umstellung von Arbeitsprozessen und -abläufen notwendig sowie die Aufteilung von Aufgaben zu ändern, Zergliederung von komplexen
Aufgaben, kleinschrittige Aufbereitung, sowie die Standardisierung von Anweisungen. Hierbei wird hoher Unterstützungsbedarf entstehen und die Rückfragemöglichkeit bei Kollegen und Vorgesetzten muss gegeben sein.

Förderung und Mitwirkung:

Der Mann und der Arbeitgeber wurden durch die Mitarbeiter der WfbM betreut und unterstützt. Der Arbeitgeber erhält von der Arbeitsagentur einen Lohnkostenzuschuss als Eingliederungshilfe zur Festeinstellung des Mannes und vom Integrationsamt eine finanzielle Kompensation der außergewöhnlichen Belastungen durch die Minderleistung und Betreuung. Außerdem wurde der Arbeitsplatz, nach Antrag durch den Arbeitgeber bei der Arbeitsagentur, in Bezug auf die Ausgleichsabgabe mehrfach angerechnet.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Tel.-Nummern der Integrationsämter und Arbeitsagenturen.



Link:

Boxdorfer-Werkstatt: Projekt arbeit plus - Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt - Entscheidungen möglich machen



Schlagworte und weitere Informationen

  • Arbeitgeber /
  • Arbeitnehmer /
  • Arbeitsagentur /
  • Arbeitsleistung /
  • berufliche Rehabilitation /
  • Berufsvorbereitung /
  • Betreuung /
  • Betreuungsaufwandsentschädigung /
  • Bewegungskoordination /
  • Eingliederungszuschuss /
  • Erwerbstätigkeit /
  • Finger-Handbewegung /
  • Gehirn /
  • Greifen /
  • Greifraum /
  • Halbseitenlähmung /
  • Halten /
  • Handel /
  • Handhabung /
  • Hirnschädigung /
  • Integrationsamt /
  • Körperbehinderung /
  • Lähmung /
  • Lohnkostenzuschuss /
  • Merken /
  • Minderleistung /
  • Minderleistungsausgleich /
  • Motorik /
  • Motorische Störung /
  • Neueinstellung /
  • Portal Gute Praxis / Ausbildung und Qualifizierung /
  • Portal Gute Praxis / Neurologische Behinderung /
  • Praktikum /
  • Qualifizierung /
  • Schlaganfall /
  • Supermarkt /
  • Talentplus /
  • Teilhabe /
  • Teilhabe am Arbeitsleben /
  • Übergang Werkstatt für behinderte Menschen-Allgemeiner Arbeitsmarkt /
  • Vollzeitarbeit /
  • Werkstatt für behinderte Menschen

  • EFL - Handkoordination (rechts/links) /
  • EFL - Handumwendebewegungen (rechts/links) /
  • ERGOS - Dreipunktgriff /
  • ERGOS - Fingergeschicklichkeit /
  • ERGOS - Handgeschicklichkeit /
  • ERGOS - Handgreifkraft /
  • ERGOS - Reichen /
  • ERGOS - Schlüsselgreifkraft /
  • IMBA - Arbeitszeit /
  • IMBA - Armbewegungen /
  • IMBA - Feinmotorik (Hand- und Fingergeschicklichkeit) /
  • IMBA - Hand-/Fingerbewegungen /
  • IMBA - Lernen/Merken /
  • MELBA - Feinmotorik /
  • MELBA - Lernen/Merken


Referenznummer:

Pb/110920



Informationsstand: 26.04.2016